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# Kapitel 11: Zielsetzung
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## Einleitung
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Das elfte Kapitel des Buches "Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit" widmet sich dem Prozessschritt der Zielsetzung. Es markiert den Übergang von der Diagnose zur Interventionsplanung, indem der Fokus auf den erwünschten Soll-Zustand gerichtet wird. Die Autoren Hochuli Freund und Stotz erläutern, was eine gute, analyse- und diagnosebasierte Zielsetzung ausmacht und wie diese in kooperativer Weise mit den Klientinnen und Klienten erarbeitet werden kann. Dabei werden verschiedene Konzepte, Methoden der Zielfindung und Kriterien für die Formulierung von Zielen vorgestellt ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P263](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-1)).
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## Aufgabe, Bedeutung und Formen von Zielen
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### Die Notwendigkeit von Zielen
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Ziele sind essenziell, um Veränderungsprozesse in eine bestimmte Richtung zu lenken. Situationen verbessern sich selten von selbst; es bedarf einer Vorstellung davon, wohin die Entwicklung gehen soll. In der Sozialen Arbeit bieten Ziele eine handlungsleitende Grundlage für den Unterstützungsprozess ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-2)).
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### Definition und Charakteristika
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Der Begriff "Ziel" (vom griechischen 'Telos') bezeichnet einen zukünftig erstrebenswerten Zustand, der aktuell als Mangel empfunden wird. Ein Ziel unterscheidet sich von einem bloßen Wunsch durch den **Verwirklichungsvorsatz**: Es beinhaltet eine Willenserklärung und die Entscheidung, aktiv zu werden und Kräfte zu bündeln, um diesen Zustand zu erreichen. Das Erreichen eines Ziels bleibt jedoch ergebnisoffen und erfordert eine realistische Einschätzung der verfügbaren Ressourcen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P268](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-3)).
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### Formen und Ebenen von Zielen
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Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Ziele zu kategorisieren:
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* **Zeithorizont und Konkretheit**: Unterscheidung in Grob- und Feinziele sowie Fern- und Nahziele.
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* **SMART-Ziele**: Spezifische, messbare, akzeptierte, realistische und terminierte Ziele. Diese werden im KPG-Modell primär der Interventionsplanung zugeordnet ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P270](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-4)).
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* **Adressatenbezug**:
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* **Grundsatz- vs. Handlungsziele** (Cassée).
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* **Orientierungsideen vs. operative Ziele** (Pantuček-Eisenbacher).
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* **Wirkungsziele** (Klienten) vs. **Handlungs-/Leistungsziele** (Fachkräfte) (von Spiegel, Heiner).
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* **Eigenziele** (vom Klienten selbst formuliert) (Schwabe).
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* **Mottoziele** (Haltungsziele zur Intentionsbildung) (Storch/Krause) ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P274](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-5)).
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Im KPG-Konzept wird spezifisch unterschieden zwischen:
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1. **Bildungszielen**: Ziele der Klientinnen und Klienten (Kompetenzerwerb).
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2. **Unterstützungszielen**: Ziele der Professionellen (Ermöglichung von Bildungsprozessen) ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P275](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-6)).
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### Metaphern der Zielfindung
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Die Autoren vergleichen verschiedene Herangehensweisen mit Metaphern:
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* **Wikinger**: Orientierung an "Sternen" (Erfahrung), sinnvoll in Krisen.
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* **Titanic**: Detaillierte Vorausplanung, Gefahr der Starrheit.
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* **Kolumbus**: Ein globales Ziel gibt die Richtung vor, aber die tägliche Position wird neu bestimmt und das Vorgehen angepasst. Dies wird als passendste Metapher für die Soziale Arbeit angesehen, da Menschen nicht instruierbar sind und Prozesse eine Eigendynamik haben ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P276](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-7)).
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### Strukturierte Offenheit
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Professionelle bewegen sich in einem Dilemma der "strukturierten Offenheit" (Thiersch). Sie müssen einerseits Strukturen vorgeben und Prioritäten setzen, andererseits offen auf die Besonderheiten des Falls eingehen. Zielvereinbarungen dürfen nicht starr sein, sondern müssen die Dynamik der Situation und der Arbeitsbeziehung berücksichtigen. Ziele können sich im Verlauf des Prozesses ändern, wenn neue Erkenntnisse gewonnen werden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P277](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-8)).
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## Die Arbeit mit Zielen in anderen Konzepten
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### Lösungsorientierter Ansatz
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Dieser Ansatz (nach de Shazer/Kim Berg) fokussiert auf Gelingendes und Ressourcen statt auf Probleme und deren Ursachen.
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* **Grundannahme**: Es gibt keine zwingenden kausalen Zusammenhänge zwischen Problemursache und Lösung. Für jedes Problem gibt es mehrere Lösungen (**Multifinalität**).
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* **Vorgehen**: Suche nach Ausnahmen (wann trat das Problem nicht auf?), Bestärkung von funktionierenden Strategien ("Do more of what works").
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* **Relevanz für KPG**: Hilfreich für die Zielfindung, um den Blick auf Ressourcen und Lösungen zu lenken. Allerdings wird im KPG-Modell die Problemanalyse nicht ausgeblendet, sondern als Basis für die Lösungsfindung genutzt, insbesondere da in der Sozialen Arbeit oft Zwangskontexte und komplexe Auftragsverhältnisse vorliegen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P284](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-9)).
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### Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)
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Das ZRM (Storch/Krause) ist ein psychoedukatives Training zur Förderung von Selbstmanagement und Ressourcenaktivierung.
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* **Kernaspekte**: Integrationsabsichten (Verbindung verschiedener psychologischer Schulen), konsequente Ressourcenaktivierung und Transfereffizienz.
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* **Somatische Marker**: Nutzung von Körpergefühlen (Affekten) als Bewertungssystem. Positive somatische Marker helfen bei Entscheidungen.
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* **Motto-Ziele**: Haltungsziele, die mittels Bildern erarbeitet werden. Sie sprechen das Unbewusste an, sind affektiv positiv besetzt und dienen der intrinsischen Motivation.
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* **Relevanz für KPG**: Bietet methodische Zugänge (z.B. Bildkartei), um mit Klienten motivierende, emotional verankerte Ziele zu erarbeiten ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P286](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-10)).
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## Zielfindung und Zielsetzung in Kooperation
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### Grundausrichtung
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Übergeordnete Orientierung ist die (Wieder-)Herstellung einer autonomen Lebenspraxis und gelingenden Alltagsbewältigung. Ziele werden dialogisch ausgehandelt ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P293](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-11)).
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### Umgang mit wenig motivierten Klientinnen
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In Zwangskontexten fehlt oft die intrinsische Motivation ("Wille").
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* **Grenzen des Drucks**: Wille lässt sich nicht erzwingen. Druck führt oft nur zu scheinbarer Anpassung.
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* **Unterstützungsziele**: Wenn Klienten keine eigenen Ziele formulieren können/wollen, formulieren Professionelle zunächst nur Unterstützungsziele für sich selbst (z.B. Beziehungsaufbau, Schaffung von Erfahrungsfeldern).
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* **Gründe für fehlenden Willen**: Autonomiebestreben ("Widerstand"), Loyalitätskonflikte, Angst vor Veränderung/Versagen, fehlendes Selbstbild oder Ambivalenz ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P293](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-11)).
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### Dialogisches Aushandeln
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Der Zielfindungsprozess ist eine **Pendelbewegung** (siehe Abb. 24 im Buch):
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1. Blick zurück: Anliegen, Ressourcen (Situationserfassung).
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2. Blick auf Analyse/Diagnose: Fallthematik, Arbeitshypothese.
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3. Blick in die Zukunft: Veränderungswünsche.
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4. Rückkoppelung: Abgleich mit diagnostischen Erkenntnissen (Vermeidung negativer Muster).
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Professionelle agieren als **"selbstreflexive mitbetroffene Verhandlungspartner"** (Schwabe): Sie haben eigene fachliche Positionen und Interessen (z.B. Kindesschutz), sind aber an Konsens interessiert und vermitteln zwischen unterschiedlichen Sichtweisen im Klientensystem ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P296](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-12)).
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## Formulierung von Zielen
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### Qualitätsanforderungen
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Ziele sollten präzise, aber nicht zu detailliert sein. **Negativ-Ziele** (was nicht mehr sein soll) sind zu vermeiden; Ziele müssen immer **positiv als Anstrebensziele** formuliert sein ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P302](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-13)).
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### Unterscheidung: Bildungs- und Unterstützungsziele
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* **Bildungsziele (Klienten)**: Beziehen sich auf Kompetenzerwerb oder -erhalt der Klientin. Sie müssen von der Klientin als sinnvoll erachtet und akzeptiert werden (Partizipation).
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* *Beispiel*: "Der Klient R. weiß, welche Freizeitaktivitäten ihm gefallen."
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* **Unterstützungsziele (Professionelle)**: Beziehen sich auf das Handeln der Fachkraft, um die Bildungsziele zu ermöglichen. Sie sind formal Bildungsziele der Professionellen.
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* *Beispiel*: "Die Professionellen wissen, wie sie Erfahrungsräume für R. schaffen können."
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* In Situationen, wo Klienten nicht einbezogen werden können, werden ausschließlich Unterstützungsziele formuliert ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P302](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-13)).
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### Ganzheitlichkeit: Kopf, Herz, Hand
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In Anlehnung an Pestalozzi und Schwabe sollten Bildungsziele drei Ebenen ansprechen:
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1. **Kopf**: Kognitive Herausforderung, Entwicklungsaufgabe.
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2. **Herz**: Emotionale Bedeutsamkeit, Motivation.
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3. **Hand**: Handlungsmöglichkeit, konkretes Tun.
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Nur wenn alle Ebenen stimmig sind, entfalten Ziele ihre motivierende Wirkung ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P302](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-13)).
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### Hierarchisierung von Zielen
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Ziele werden nach Konkretheit und Zeithorizont gestaffelt (siehe Abb. 25 im Buch):
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1. **Fernziel**: Globaler Orientierungsrahmen, oft im Auftrag enthalten.
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2. **Grobziele**: Abgeleitet aus Diagnose/Analyse. Kriterien: wichtig, bedeutsam, motivierend, **diagnosebasiert**. Im Prozessschritt "Zielsetzung" werden primär Grobziele formuliert.
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3. **Feinziele**: Operationalisierung für die Interventionsplanung. Kriterien: konkret, überprüfbar, SMART. Sie dienen der Umsetzung der Grobziele ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P303](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-14)).
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### Kritik an SMART-Kriterien
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Die Anwendung der SMART-Kriterien (Spezifisch, Messbar, Akzeptiert, Realistisch, Terminiert) ist für Feinziele sinnvoll, birgt aber Gefahren:
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* Verführung zur Technokratie und Über-Operationalisierung.
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* Fokus auf Messbarkeit statt auf Bedeutsamkeit.
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* Gefahr, Ziele schon als Interventionen zu formulieren.
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Wichtiger als Messbarkeit ist oft die subjektive Bedeutsamkeit und Motivationskraft für die Klientin ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P303](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-14)).
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## Reflexion des Prozessschrittes
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### Methodenreflexion
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Die gewählte Methodik fokussiert auf **größtmögliche Partizipation**.
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* **Kooperation**: Klienten sind zentral. Unterstützungsziele ermöglichen professionelles Handeln auch bei fehlendem Konsens.
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* **Spannungsfeld**: Zwischen grundlegenden Zielen (Autonomie) und SMART-Kriterien (Messbarkeit) muss abgewogen werden.
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* **Professionsethik**: Partizipation ist ethisch geboten. Im Zwangskontext muss auf Transparenz und Vermeidung von Scheinkonsens geachtet werden.
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* **Aufwand**: Der Prozess der gemeinsamen Zielfindung ist zeitintensiv, aber lohnend für die Verbindlichkeit und Nachhaltigkeit ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P303](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-14)).
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### Evaluationsfragen
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Fachkräfte sollten sich kritisch fragen:
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* Wurde die Herangehensweise dem Setting angepasst?
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* Sind die Ziele analyse- und diagnosebasiert?
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* Sind die Ziele positiv formuliert?
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* Wurde zwischen Bildungs- und Unterstützungszielen unterschieden?
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* Sind die Bildungsziele für die Klientin bedeutsam ("Herz")? ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P303](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md#reference-14)).
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## Quellennachweis
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Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: [Evidenzdatei Zielsetzung](./chapter_11_zielsetzung.evidence.md)
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## Quellenangabe
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Hochuli Freund, U., & Stotz, W. (2021). *Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit*. (Referenziert nach den Zeilennummern im Quelldokument).
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