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# Kapitel 9: Analyse
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## Einleitung
Nach der Situationserfassung, in der wesentliche Daten gesammelt und vorläufige Themen identifiziert wurden, folgt im Prozessschritt der Analyse eine detaillierte Auslegeordnung. Ziel ist es, durch strukturierte Methoden Einschätzungen und Bewertungen verschiedener Beteiligter einzuholen, um die Fallthematik zu klären und zu bestimmen, worum es im Fall genau geht ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P213](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-1)).
## 9.1 Aufgabe und Vorgehen
### Begriffsdiskussion
Der Begriff "Analyse" wird in der Sozialen Arbeit uneinheitlich verwendet. Im Konzept der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG) wird darunter nicht nur das Ordnen vorhandener Daten verstanden, sondern das Einholen und strukturierte Auswerten von Einschätzungen, Bewertungen und Beurteilungen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P215](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-2)). Abgrenzungen zu Begriffen wie "Situationsanalyse" oder "Diagnose" sind im Fachdiskurs fließend, wobei KPG eine klare Unterscheidung zwischen Situationserfassung (Fakten), Analyse (Bewertungen/Sichtweisen) und Diagnose (Erklären/Verstehen) vornimmt ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P217](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-3)).
### Aufgaben
Die Hauptaufgabe der Analyse ist die **Klärung** und **Bestimmung der Fallthematik**.
* **Komplexitätserweiterung**: Zunächst werden gezielt neue Informationen (Sichtweisen, Bewertungen) erfasst ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P219](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-4)).
* **Komplexitätsreduktion**: Anschliessend erfolgt eine fachliche Beurteilung und Gewichtung der Daten, um den Fokus für die weitere Bearbeitung (Diagnose oder Intervention) zu schärfen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P221](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-5)).
* **Ressourcen und Probleme**: Unabhängig von der Methode geht es stets darum, sowohl Probleme/Risiken als auch Ressourcen/Fähigkeiten zu identifizieren ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P223](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-6)).
* **Kooperation**: Analysemethoden sollen sowohl für die Arbeit mit Klient*innen (Selbsteinschätzung) als auch für die fachliche Einschätzung (Fremdeinschätzung) genutzt werden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P227](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-7)).
### Vorgehen
Der Prozess der Analyse gliedert sich in vier Schritte ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P229](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-8)):
1. **Wahl geeigneter Analysemethoden**: Abhängig vom Fall (Themen, Aufträge) und dem institutionellen Kontext.
2. **Datenerhebung**: Gezieltes Einholen von Bewertungen gemäss der gewählten Methode (z.B. Ausfüllen einer Netzwerkkarte mit der Klientin oder Durchführen einer Fallinszenierung im Team).
3. **Auswertung und Bewertung**: Fachliche Bündelung der Ergebnisse, oft durch das Bilden von **konstatierenden Hypothesen**. Diese fassen die wichtigsten Erkenntnisse zusammen, ohne sie bereits zu interpretieren oder zu erklären.
**Abb. 14: Vorgehen bei der Analyse** ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P231](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-9))
Der Analyseprozess lässt sich als eine rautenförmige Bewegung beschreiben, die von **vorläufigen Themen** aus der Situationserfassung ausgeht. Zunächst erfolgt eine **Erweiterung der Komplexität** ("Komplexität erhöhen"): Nach der Wahl geeigneter Analysemethoden werden weitere Daten erhoben und unterschiedliche Perspektiven eingeholt. Im zweiten Schritt wird die **Komplexität reduziert** ("Komplexität reduzieren"): Die gesammelten Informationen werden ausgewertet, bewertet und in konstatierenden Hypothesen verdichtet. Am Ende dieses Prozesses steht die klare Bestimmung der **Fallthematik**, die als Ausgangspunkt für das weitere Vorgehen (Diagnose oder Ziele) dient.
4. **Bestimmung der Fallthematik**: Zusammenführung der Ergebnisse zu einer prägnanten Aussage darüber, worum es im Fall geht. Dies bildet die Basis für die nachfolgende Diagnose oder direkte Interventionsplanung.
## 9.2 Methoden der Perspektivenanalyse
Diese Methoden fokussieren auf die **Multiperspektivität**, also das Erfassen verschiedener Sichtweisen auf einen Fall.
### 9.2.1 Perspektivenanalyse gemeinsam mit Beteiligten
In Standortgesprächen oder Einzelgesprächen werden die Sichtweisen aller relevanten Beteiligten erhoben.
* **MAP-Methode (Making Action Plan)**: Strukturiert Gespräche anhand von Fragen nach Geschichte, Träumen, Albträumen/Befürchtungen, Stärken und Bedürfnissen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P240](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-11)).
* **Multiperspektivische Fallarbeit (Müller)**: Fragt danach, was für wen ein Problem ist, wer welche Anliegen und Ressourcen hat ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P242](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-12)).
* **Vorgehensweisen**: Die Erhebung kann mündlich (im Gespräch) oder rekonstruktiv (durch stellvertretendes Hineinversetzen) erfolgen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P250](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-13)).
### 9.2.2 Perspektivenanalyse auf der Fachebene: Fallinszenierung
Eine Methode für schwierige oder "verfahrene" Fälle, oft im Team oder in der Intervision angewendet (z.B. nach Schattenhofer/Thiesmeier).
* **Ablauf**:
1. **Fallvorstellung**: Kurze Schilderung der Fakten und des Genogramms.
2. **Inszenierung**: Teammitglieder übernehmen Rollen von Fallbeteiligten und äussern aus dieser Rolle heraus Gefühle, Ängste und Erwartungen.
3. **Auswertung**: Ordnen der Eindrücke und Ableitung von Hypothesen oder nächsten Schritten ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P253](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-14)).
* **Ziel**: Zugang zu den Emotionen und Beziehungsmustern im Fall erhalten, Verwicklungen des Helfersystems aufspüren.
## 9.3 Analyse durch Reflexion des eigenen Erlebens
Dieser Ansatz nutzt die Subjektivität und die emotionalen Reaktionen der Fachkräfte als Erkenntnisquelle.
* **Gegenübertragung**: Nutzung psychoanalytischen Wissens, um eigene emotionale Reaktionen auf den Klienten zu verstehen. Es wird unterschieden zwischen "eigenen" Anteilen (Biografie der Fachkraft) und Anteilen, die durch den Klienten ausgelöst werden (Spiegelung der Klientengefühle) ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P260](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-15)).
* **Balint-Gruppe**: Assoziatives Äussern von Gefühlen und Phantasien in einer Gruppe, um verborgene Fallthematiken zu erkennen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-16)).
## 9.4 Notationssysteme
Notationssysteme visualisieren Daten und Einschätzungen. Sie eignen sich besonders für die gemeinsame Arbeit mit Klient*innen.
### 9.4.1 Genogramm
Darstellung von Familiensystemen über mehrere Generationen (nach McGoldrick/Gerson).
* **Nutzung**: Erfasst objektive Daten (Situationserfassung) und subjektive Einschätzungen der Beziehungen (Analyse). Es kann auch zur Kontextualisierung von Symptomen als Problemlösungsversuche genutzt werden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P275](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-17)).
### 9.4.2 Zeitstrahl und biografischer Zeitbalken
Visualisierung der zeitlichen Dimension eines Falles.
* **Zeitstrahl**: Kombiniert objektive Daten (oberhalb der Zeitachse) mit subjektiven Einschätzungen wie "Schönes/Gelungenes" oder "Schwieriges/Belastendes" (unterhalb der Zeitachse). Hilft, Zusammenhänge zwischen Ereignissen und Erleben zu erkennen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P287](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-19)).
* **Biografischer Zeitbalken**: Detaillierte Darstellung verschiedener Lebensbereiche (Wohnen, Arbeit, Gesundheit etc.) entlang der Zeitachse ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P278](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-18)).
### 9.4.3 Silhouette und Drei-Häuser
Kreative Methoden zur Erfassung der Selbstsicht, besonders geeignet für Kinder und Jugendliche.
* **Silhouette**: Arbeit mit einem Körperumriss oder einer Vorlage. Themen: Stärken, Schwierigkeiten, Träume, Albträume ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P289](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-20)).
* **Drei-Häuser (Signs of Safety)**: Haus der Sorgen, Haus der guten Dinge, Haus der Wünsche ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P289](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-20)).
### 9.4.4 Netzwerkkarte
Erfasst das soziale Bezugssystem aus Sicht der Klientin (egozentrierte Netzwerkkarte).
* **Aufbau**: Die Klientin im Zentrum, darum herum Sektoren (Familie, Freunde, Profis etc.). Die Distanz zum Zentrum symbolisiert die emotionale Nähe/Wichtigkeit.
* **Auswertung**: Gibt Aufschluss über Grösse, Dichte und Qualität des Netzwerks sowie über Unterstützungspotentiale ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-16)).
### 9.4.5 Soziogramm
Untersucht die soziale Dynamik in Gruppen (nach Moreno).
* **Fokus**: Wer sucht wessen Nähe? Wer lehnt wen ab? Abbildung von informellen Beziehungen, Koalitionen und Rollen in einer Gruppe ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P275](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-17)).
## 9.5 Quantitative Verfahren
Standardisierte Instrumente (Assessments/Screenings) zur raschen Erfassung von Problemen und Unterstützungsbedarf.
* **Person-In-Environment (PIE)**: Klassifikationssystem mit vier Faktoren (Probleme in Rollen, Umwelt, psychische/physische Gesundheit). Fokussiert stark auf Defizite und Expertensicht ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P234](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-10)).
* **PRO-ZIEL-Basisdiagnostik (Heiner)**: Teilstandardisierter Leitbogen zur Einschätzung der Belastung in verschiedenen Lebensbereichen. Erfasst systematisch die Sicht von Klient*in und Fachkraft sowie Differenzen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P240](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-11)).
* **Sozialpädagogische Risiko-Ressourcenanalyse**: Checklisten für die Kinder- und Jugendhilfe zur Einschätzung von Entwicklungsbedingungen und Verhalten ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P242](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-12)).
## 9.6 Qualitative Verfahren
Verfahren, die Daten in Form von Aussagen und Einschätzungen erheben.
### 9.6.1 Kompetenzanalyse (Cassée)
Multimodales Verfahren, das sich am Konzept der Entwicklungsaufgaben orientiert.
* **Fokus**: Passung zwischen Anforderungen (Entwicklungs-/Erziehungsaufgaben) und Fähigkeiten. Berücksichtigt Risiko- und Schutzfaktoren ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P253](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-14)).
### 9.6.2 Zugänge für eine Ressourcen- und Problemanalyse
Offene oder teilstandardisierte Verfahren zur Erfassung von Ressourcen und Defiziten.
* **Problem- und Ressourcenanalyse (Neuffer)**: Umfassender Bogen für Case Management.
* **Offene Ressourcen-Problem-Karten**: Einfache Visualisierungen, z.B. Koordinatensysteme (Person vs. Umwelt, Ressourcen vs. Probleme) oder Listen, in denen Selbst- und Fremdeinschätzung farblich unterschieden werden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P260](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-15)).
### 9.6.3 Offene Analysefragen
Alltagsnahe Fragen zur schnellen Klärung und Einschätzung einer Situation (z.B. "Was ist einfach, was schwierig?", "Was ist vordringlich?") ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-16)).
## 9.7 Systemische Analysemethoden
Methoden, die auf systemtheoretischen Grundlagen basieren.
### 9.7.1 Problem- und Machtquellen-/Ressourcen-Analyse (Staub-Bernasconi)
Basiert auf der prozessual-systemischen Denkfigur.
* **Dimensionen**: Individuelle Ausstattung, Austauschbeziehungen, Machtbeziehungen, Werte.
* **Instrumente**: Problemkarte und Ressourcen-/Machtquellenkarte zur Analyse von Einschränkungen und Potentialen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P275](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-17)).
### 9.7.2 Lebensbereich- und Mikrosystemanalyse (Bronfenbrenner)
Basiert auf der systemökologischen Entwicklungstheorie.
* **Fokus**: Analyse der Lebensbereiche (Mikrosysteme), in denen eine Person partizipiert. Untersucht Tätigkeiten, Beziehungen und Rollen sowie ökologische Übergänge, um Entwicklungspotentiale und -hemmnisse zu erkennen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P278](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-18)).
### 9.7.3 Systemische Analyse
Untersuchung von Systemdynamiken.
* **Intra-System-Dynamik**: Muster innerhalb eines Systems (z.B. Familie), Organisationsprinzipien wie Hierarchie, Grenzen, Loyalität.
* **Inter-System-Dynamik**: Wechselwirkungen zwischen verschiedenen Systemen (z.B. Familie und Schule), Spiegelungsphänomene ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P287](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-19)).
## 9.8 Reflexion des Prozessschrittes
Die Vielfalt der Methoden ermöglicht eine passgenaue Auswahl je nach Fall und Kontext.
* **Methodenwahl**: Mindestens zwei Methoden sollten kombiniert werden, wobei die Einbeziehung der Klientensicht (Partizipation) zentral ist ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P289](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-20)).
* **Bedeutung**: Die Analyse ist eine entscheidende Weichenstellung. Eine sorgfältige Auswertung und die präzise Bestimmung der Fallthematik verhindern Beliebigkeit im weiteren Prozess (Diagnose/Intervention) ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P289](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-20)).
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## Quellennachweis
Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: [Evidenzdatei Analyse](./chapter_09_analyse.evidence.md)
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**Referenz**:
Hochuli Freund, U., & Stotz, W. (2021). *Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit*.
(Hinweis: Die Zeilenangaben beziehen sich auf das zugrundeliegende Markdown-Dokument).