- Chapter 08: Situationserfassung - Added multiple references related to Auftrag, Aufgaben, and Methoden. - Updated content to clarify the importance of cooperation and resource orientation in situation assessment. - Chapter 09: Analyse - Introduced new references discussing the analysis process and methods. - Expanded on the distinction between data organization and the collection of assessments from stakeholders. - Chapter 10: Diagnose - Added references clarifying the etymology and significance of diagnosis in social work. - Updated sections on diagnostic principles, expert activity, and dialogical negotiation. - Included a detailed description of theory-guided case understanding and reconstructive methods.
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# 09 Analyse
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Die Analyse bildet den zweiten Prozessschritt in der Kooperativen Prozessgestaltung. Nachdem die wesentlichen Daten erfasst und vorläufige Themen festgestellt sind, gilt es, eine genauere ([Auslegeordnung vorzunehmen: eine Analyse durchzuführen](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-1)). Das Kapitel stellt verschiedene Analysemethoden vor — von der Perspektivenanalyse über Notationssysteme und quantitative sowie qualitative Verfahren bis hin zu systemischen Methoden — und schliesst mit einer kritischen Methodenreflexion.
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Im Unterschied zur Situationserfassung geht es bei der Analyse weniger um das Ordnen vorhandener Daten, sondern darum, ([eine andere Art von Daten — Einschätzungen, Bewertungen, Beurteilungen von unterschiedlichen Beteiligten — einzuholen und diese in einem strukturierten Vorgehen auszuwerten](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-13)). Die Aufteilung zwischen Situationserfassung, Analyse und Diagnose ist im Fachdiskurs nicht einheitlich; Begriffe wie ›Situationsanalyse‹ oder ›soziale Diagnose‹ werden je nach Autorin anders verwendet.
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## Aufgabe und Vorgehen
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Die ([Analyse dient stets der Klärung; ihr Zweck ist die Bestimmung der Fallthematik, wobei Komplexität zunächst erweitert und anschließend reduziert wird](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-14)). In der Phase der Datenerhebung wird die Komplexität durch gezielt neue Informationen erhöht; in der Auswertungsphase erfolgt Komplexitätsreduktion durch fachliche Beurteilung und Gewichtung. Die Analyse bezieht sich stets darauf, Probleme und Risiken herauszuarbeiten wie auch individuelle und soziale Ressourcen zu erkennen.
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Das Vorgehen gliedert sich in vier Schritte: Wahl geeigneter Analysemethoden, Datenerhebung (Auslegeordnung), Datenauswertung mittels konstatierender Hypothesen und Herausarbeiten der Fallthematik. Im letzten Schritt wird ([auf der Grundlage der konstatierenden Hypothesen herausgearbeitet, worum genau es in einem Fall geht](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-2)). Die Fallthematik kann zum Diagnoseschritt überleiten oder bei einfacheren Fällen direkt eine Indikation für Interventionen begründen. Die Methoden lassen sich u. a. nach Standardisierungsgrad, Datenart, Perspektivität und Kooperationsebene kategorisieren.
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## Perspektivenanalyse
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Bei der Perspektivenanalyse gemeinsam mit Beteiligten werden die Sichtweisen verschiedener Fallbeteiligter erfasst. Die MAP-Methode strukturiert ([Standortgespräche, bei denen Stärken, Bedürfnisse, Träume und Befürchtungen aller Beteiligten herausgearbeitet werden](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-3)). Müller formuliert im Konzept Multiperspektivischer Fallarbeit Arbeitsregeln wie »Was ist für wen ein Problem?« und »Wer hat welche Ressourcen?«. ([Von Spiegel hat für die Situations- und Problemanalyse Arbeitshilfen in Tabellenform erstellt](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-4)), die sowohl Wahrnehmungen als auch Motive und Gefühle erfassen.
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Die Fallinszenierung ermöglicht eine Perspektivenanalyse auf der Fachebene, bei der Kolleg\*innen Rollen von Fallbeteiligten übernehmen; ([der Sinn besteht darin, die vorhandenen Beziehungsmuster, Ängste, Hoffnungen und Befürchtungen zu entfalten](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-15)). Bei der Analyse durch Reflexion des eigenen Erlebens werden Gegenübertragungsgefühle der Professionellen in Anlehnung an Balint-Gruppen als analytischer Zugang genutzt, um die verborgene Thematik eines Falles zu erkennen.
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## Notationssysteme
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Notationssysteme stellen eine Struktur zur Erhebung und ([Visualisierung von fallbezogenen Daten bereit — darunter das Genogramm zur Darstellung familiärer Beziehungen sowie Zeitstrahl und biografischer Zeitbalken für die zeitliche Dimension](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-5)). Das Genogramm wird zum Analyseinstrument, wenn Probleme aufgeführt und der Beziehungscharakter aus Sicht der Klient\*innen qualifiziert wird.
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([Zeitstrahl und Zeitbalken sind teilstandardisierte Methoden, die in jedem Praxisfeld einsetzbar sind und die biografische Dimension fokussieren](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-6)). ([Mit der Silhouette kann die Selbstsicht einer Person erfasst werden](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-16)), indem entlang von Stärken, Schwierigkeiten, Träumen und Albträumen ein Selbstporträt entsteht; die Drei-Häuser-Methode bietet einen ähnlichen Zugang für Kinder.
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Die ([Netzwerkkarte gibt Aufschluss über Kontaktpersonen, deren Verteilung und gegenseitige Vernetzung](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-7)) und ist eines der verbreitetsten Analyseinstrumente in der Sozialen Arbeit. Das Soziogramm dient der Untersuchung sozialer Dynamik in Gruppen.
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## Quantitative und qualitative Verfahren
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Unter den quantitativen Verfahren wird PIE als erster bedeutender Versuch eines übergreifenden Klassifikationssystems skizziert. ([Maja Heiners PRO-ZIEL-Basisdiagnostik bietet ein integratives Konzept für prozessorientierte Dienstleistungsangebote](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-8)), das Belastung in sieben Lebensbereichen erfasst und systematisch zwischen Klient\*innen- und Expertensicht unterscheidet. Die Risiko-Ressourcenanalyse des Bayrischen Landesjugendamtes stellt Checklisten für Kinder und Jugendliche bereit.
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([Cassée hat einen Zugang der Kompetenzorientierung entwickelt, der in der Kinder- und Jugendhilfe der Schweiz als Standard dient](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-9)). Verschiedene Zugänge ermöglichen ([fachliche Fremd-Einschätzungen innerhalb eines Koordinatensystems nach individuellen und sozialen Ressourcen bzw. Problemen](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-10)).
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([Offene Analysefragen sind keine ausdifferenzierten Verfahren, sondern Fragen, mit denen eine Fallsituation schnell beurteilt werden soll](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-17)) — sie ergänzen die systematische Analyse als wichtiger Bestandteil der Alltagsprozessgestaltung.
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## Systemische Analysemethoden
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Systemische Methoden bauen auf einem systemtheoretischen Fundament auf. Die Problem- und Machtquellen-/Ressourcen-Analyse nach Staub-Bernasconi nutzt Entdeckungskarten entlang von vier Dimensionen (Ausstattung, Austausch, Macht, Werte). Die ([Lebensbereichanalyse erfasst die zeitliche Dimension in aktuellen Lebensbereichen, um wesentliche Mikrosysteme zu erkennen](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-11)). Die systemische Analyse untersucht Intra- und Intersystemdynamiken anhand von Organisationsprinzipien wie Hierarchie, Autonomie, Kooperation und Loyalität.
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## Reflexion und Standards
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Die ([Methodenreflexion überprüft die Analysemethoden gemäss den fünf Reflexionskriterien](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-12)) aus Kapitel 7.4. Die meisten Methoden genügen professionsethischen Ansprüchen; bei rein quantitativen Systemen ohne Einbezug der Klient\*innenperspektive gilt dies nur eingeschränkt.
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([Als methodischer Standard bei Kooperativer Prozessgestaltung gilt, dass mindestens zwei Analysemethoden einzusetzen sind, von denen mindestens eine die Einschätzungen der Klient\*innen aufnimmt](./chapter_09_analyse.evidence.md#reference-18)). Die sorgfältige Auswahl und Kombination von Methoden, die strukturierte Auswertung mittels konstatierender Hypothesen und die dialogische Bestimmung der Fallthematik bilden den Kern professioneller Analysekompetenz.
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**Seiten:** 187–230
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**Zeilen im Quelldokument:** 1639–2181
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