53 lines
2.0 KiB
Markdown
53 lines
2.0 KiB
Markdown
6.2.1 Hypothetisieren
|
||
Die systemische Erkenntnistheorie verwirft Aussagen mit
|
||
Wahrheitsanspruch. Wir sind als erkennende Subjekte nur noch
|
||
Fragende, die mithilfe von benannten und reflektierten Vorannahmen
|
||
– wissenschaftstheoretisch gesprochen: Hypothesen – in einen
|
||
Kreislauf von Fragen und Antworten eintreten. Die von uns
|
||
hergestellten Bilder von der Realität bleiben immer vorläufige
|
||
Antworten auf unsere Fragen an sie. Die Bilder revidieren oder
|
||
bestätigen unsere Vorannahmen und führen zu neuen Fragen.
|
||
Vorannahmen über die Wirklichkeit sind zunächst „Vorurteile“, ohne
|
||
sie ist Erkenntnis nicht möglich. Als Hypothesen werden sie in
|
||
bewusste Vorannahmen verwandelt, die dadurch benennbar,
|
||
kritisierbar und veränderbar werden. In der Hypothesenbildung
|
||
verschränken sich theoretische Konzepte (z. B. das Konzept der
|
||
Loyalität), Alltagswissen (z. B. „Die Eltern sind die ersten und
|
||
wichtigsten
|
||
Bezugspersonen
|
||
für
|
||
ihre
|
||
Kinder“)
|
||
und
|
||
die
|
||
unterschiedliche Wahrnehmung sozialer Situationen (z. B. zwischen
|
||
Eltern und Kindern) zu vorläufigen Ist-Sätzen über diese sozialen
|
||
Situationen.
|
||
Sie
|
||
enthalten
|
||
Verhaltensbeobachtungen,
|
||
Rekonstruktionen von in der Situation gesprochenen Worten,
|
||
Aussagen über den Kontext des Verhaltens und der sprachlichen
|
||
Äußerungen und Rückschlüsse auf intrapersonale Gedanken und
|
||
Gefühle der beobachteten Personen. Diese Umwandlung von
|
||
„Vorurteilen“ in Hypothesen und die dadurch mögliche Transparenz,
|
||
Nachprüfbarkeit und Kritisierbarkeit der Aussagen unterscheidet das
|
||
wissenschaftlich
|
||
fundierte
|
||
professionelle
|
||
Handeln
|
||
der
|
||
Sozialarbeiterinnen vom Alltagshandeln ihrer Adressatinnen. Die
|
||
Hypothesenbildung
|
||
vollzieht
|
||
sich
|
||
in
|
||
der
|
||
professionellen
|
||
Handlungssituation in einem Spektrum zwischen Intuition und
|
||
absichtsvoller Rationalität, d. h., Hypothesen können auch als
|
||
plötzliche und vorbewusste Eingebungen entstehen. Wichtig ist dann
|
||
ihre bewusste und theoretisch gesicherte Formulierung in den eigens
|
||
dafür hergestellten Erkenntnisnischen des Interviewprozesses, u. a.
|
||
in den Pausen. Hier können die das Interview durchführenden
|