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4.3.3 Die Gerechtigkeitsbilanz für das System und die darauf
basierenden Loyalitätsbindungen als existenzielle
Ressourcen des Systems
Im Wechselspiel von Geben und Nehmen, Schuldigkeiten und
Verdienst entsteht das Band der Loyalität. Boszormenyi-Nagy
(Boszormenyi-Nagy u. Spark 1981) formulierte eine darauf bezogene
existenzielle Perspektive der Familienloyalität. Er geht davon aus,
dass Kinder durch ihr Auf-die-Welt-Kommen, das sie ihren Eltern
verdanken, diesen gegenüber in eine existenzielle Verpflichtung
(„debit“) geraten. Die lebenslange Beziehung zu ihren Eltern enthält
deshalb auch die Perspektive, diese Verpflichtungen abzugelten,
indem den Eltern gegenüber Verdienste („merits“) erworben werden.
In einer transgenerationalen Sicht sind die eigenen Kinder, durch
deren Versorgung man sich Verdienste erwirbt, zugleich eine
Möglichkeit, die Verpflichtungen den eigenen Eltern gegenüber
auszugleichen. Eltern und Kinder können sich gegenseitig nur dann
loslassen, wenn die aus Verpflichtungen/Schulden und Verdiensten
gebildete Gerechtigkeitsbilanz ausgeglichen ist. Ein z. B. in der
Beratung thematisierter ewiger Streit zwischen Eltern und erwachsen
gewordenen Kindern führt die mit dem Loyalitätskonzept vertraute
Beraterin zu der Frage, ob hier noch „alte Rechnungen offen sind“
und der Kampf als der Versuch eines Ausgleichs bzw. der
Anerkennung des Verpflichtungs-Verdienst-Ungleichgewichtes (als
eines ersten Schritts) verstanden werden kann. Manchmal lässt sich
die Anerkennung des Ungleichgewichts durch die „Schuldnerin“ schon
als ein Verdienst interpretieren. Ein solches Reframing (siehe 6.6.1.2)
kann dann einen Prozess wechselseitiger Bezugnahme in Gang
setzen, der das beklagte Ungleichgewicht in ein neues Gleichgewicht
transformiert. Auch die Pflege der alt gewordenen Eltern durch ihre
erwachsen gewordenen Kinder kann als eine Ausgleichshandlung
verstanden werden: Indem wir unsere Eltern versorgen, geben wir
ihnen zurück, was wir mit dem Geschenk des Lebens und der Sorge
für unsere Entwicklung erhalten haben.