33 lines
2.1 KiB
Markdown
33 lines
2.1 KiB
Markdown
97
|
||
|
||
je. Um den wissenschaftsimmanenten Entwicklungsprozess der
|
||
Traumatheorie und den gesellschaftlichen Blick auf Traumata zu
|
||
berücksichtigen, schlägt David Becker vor, von einer doppelten
|
||
Identität der Traumatheorie zu sprechen, „[…] nämlich als klinische
|
||
Theorie und als moralische Kategorie in gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen.“ (Becker 2017, S. 155). Gerade unter den sich
|
||
verändernden gesellschaftlichen Bedingungen müssen wir wahrnehmen, dass Traumatisierte nicht nur an einer Krankheit litten,
|
||
„[…] sondern sie gesunden oder erkranken immer auch an einer
|
||
Gegenwart, an der die gesamte Umwelt beteiligt ist.“ (160)
|
||
|
||
Die Anerkennung des Schmerzes
|
||
|
||
Wie beschrieben, werden Schmerz und Leid vom Traumadiskurs
|
||
oft abgespalten. Doch Gesundung ist auch von den Möglichkeiten,
|
||
eigenes Leid wahrzunehmen und zu transformieren, abhängig. In
|
||
der dritten Sequenz, der Zeit nach den traumatischen Erfahrungen
|
||
(vgl. Keilson 1979), muss die Anerkennung von Schmerz und Leid
|
||
möglich sein. Dazu braucht es individuelle und gesellschaftliche
|
||
Möglichkeiten der Anerkennung des Leides, Menschen, Räume
|
||
und Strukturen.
|
||
Die faktische Nichtanerkennung des Leides hat massive, vielfältige Auswirkungen und geschieht durch unterschiedliche Handlungen. So löse z. B. das ‚Trauma der Straflosigkeit‘ in Chile „[…]
|
||
intrapsychische und intrasubjektive Mechanismen aus, die genauso gravierende oder sogar schlimmere Bewusstseinsstörungen zur
|
||
Folge haben können wie die Folter selbst.“ (Rojas 2005, S. 120)
|
||
Hannah Arendt beschreibt in „Wir Flüchtlinge“, was es bedeuten kann, nicht über den Schmerz reden zu können: „Es gibt
|
||
unter uns jene seltsamen Optimisten, die ihre Zuversicht wortreich
|
||
verbreiten und dann nach Hause gehen und das Gas aufdrehen.“
|
||
(Arendt 2016a, S. 15). „Man sagte uns, wir sollten vergessen; und das
|
||
taten wir schneller, als es sich irgendjemand überhaupt vorstellen
|
||
konnte.“ (ebd., S. 11, vgl. auch Gahleitner/Frank 2015, S. 198 ff.).
|
||
Und Arendt beschreibt – eine erschreckende Aktualität – wie sich
|
||
das Verdrängen des Schmerzes und der Zwang zur Anpassung
|