2026-001/documents/theory/diagnostics/philipp-sucht-sein-ich/pages/088.md

31 lines
2.3 KiB
Markdown
Raw Blame History

This file contains ambiguous Unicode characters

This file contains Unicode characters that might be confused with other characters. If you think that this is intentional, you can safely ignore this warning. Use the Escape button to reveal them.

88
Durchleben der traumatischen Erfahrungen mit den dazugehörigen
Gefühlen schnell heilend wirken. Nach Kriegsende setzte die gesellschaftliche Amnesie wie auch schon nach dem Ersten Weltkrieg wieder ein, die langfristigen Folgen von Traumata fanden
weder medizinisches noch militärisches Interesse.
Nach dem Sieg über den Faschismus wurden in einigen wenigen
Studien Langzeiteffekte traumatischer Erinnerungen bei Überlebenden des Holocausts untersucht. Menschen, die die Gefangenschaft im Konzentrationslager überlebt hatten, zeigten schwere
soziale, psychische, physische und existenzielle Folgen der überlebten Traumata und eine verminderte Fähigkeit mit psychischen
und physiologischen Belastungen umzugehen. Der Psychoanalytiker
Bruno Bettelheim, der ein Jahr in den Konzentrationslagern Dachau
und Buchenwald überlebte, beschrieb in der Abhandlung über
„Individuelles und Massenverhalten in Extremsituationen“ auch
zur Bewältigung seiner Gefangenschaft in Dachau und Buchenwald von 1938 bis 1939 das Verhalten von Menschen in extremen
Situationen und verwandte den Begriff Extremtraumatisierung.
„Die extreme Traumatisierung ist ein Erlebnis, dass […] derart
traumatisch war, dass es die Persönlichkeitsintegration entweder
ganz oder zu einem erheblichen Grad erschütterte“ (Bettelheim
1943/1982, S. 37). Das Extreme der Traumatisierung sei die Unausweichlichkeit, eine sozialpolitische Struktur, die sich auf die Zerstörung und Auslöschung einiger Mitglieder dieser Gesellschaft
durch andere Mitglieder derselben Gesellschaft gründet. Bislang
erfasse der Begriff Trauma nicht die bewusste Zerstörung von
Menschen durch Menschen durch Kriegssituationen und politische
Repression (ebd.).
1970 machten Soldaten gegen den Vietnamkrieg, an dem sie
teilgenommen hatten, mobil. Sie gründeten die Organisation
Vietnamveteranen gegen den Krieg, gaben ihre Medaillen zurück
und boten an, öffentlich über Kriegsverbrechen auszusagen. In
organisierten Selbsthilfegruppen konnten die Vietnamveteranen
ihre traumatischen Erlebnisse erzählen. In beharrlichen Kampagnen
schufen sie Unterstützungssysteme, die auch staatlich bezuschusst
werden mussten. Psychische Traumata wurden erstmals als dauerhafte und unvermeidliche Spätfolgen des Krieges anerkannt.