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Selbstbemächtigung im individuellen und gesellschaftlichen Kontext
Die Haltung
Grundlagen einer traumapädagogischen Haltung der Würde und Anerkennung
sind die Annahme des guten Grundes und die Expert*innenschaft der Mädchen* und Jungen*. Das Verhalten des Kindes ist entwicklungsgeschichtlich verstehbar als eine normale Reaktion auf eine außerordentliche Belastung, es hat
einen guten Grund. Bruno Bettelheim, Psychoanalytiker, Pädagoge und Überlebender des KZ Buchenwalds, forderte die Pädagog*innen auf, immer davon auszugehen, »dass ein Kind für alles, was es tut, seine guten Gründe hat, auch wenn
es dem oberflächlichen Betrachter noch so befremdend und töricht erscheinen
mag« (Bettelheim 1987, S. 212f). Der gute Grund ist kein Weißmacher, es geht
um Verstehen, nicht selten ohne einverstanden zu sein, und dies verantwortlich
zu kommunizieren. Das Nichtverstehen erhöht die Belastung der Menschen aus
herausfordernden Lebensumständen: »Kommt es zu Erziehungsverhalten, die
dazu führen sollen, dass dieses Verhalten aufgegeben wird, ohne seinen tieferen
Sinn zu verstehen, droht eine Zunahme der inneren Belastung. Die Selbstbewältigungsmöglichkeit von […] schwer aushaltbaren traumatischen Zuständen, soll
diesen Kindern genommen werden.« (Garbe 2015, S. 111). Der Fachverband
Traumapädagogik verbindet die Annahme des guten Grundes explizit mit dem
Konzept der Würde: »Die Würdigung und Wertschätzung dieser notwendig gewordenen Verhaltensweisen sind ein entscheidender erster Schritt, den Kinder
und Jugendlichen zu ermöglichen, ihr belastendes Verhalten im Kontext seiner
Notwendigkeit zu reflektieren und möglicherweise alternative Verhaltensweisen
zu entwickeln.« (BAG Traumapädagogik 2011).
Doch was, wenn uns beim guten Grund das gut im Halse stecken bleibt? Bettelheim schreibt von einem Jungen, der mit seiner Freundin kuschelt und der, als
sie ihn anfasst, diese mit einem Messer bedroht. Seine Mutter hatte ihn sexuell
missbraucht. Er war ganz entsetzt über seine Tat und auch deshalb war es Bruno
Bettelheim wichtig, den Grund hinter diesem Verhalten gemeinsam mit ihm zu
erkennen. Derzeit diskutieren Expert*innen und Fachmenschen in dem Begriff
des guten Grundes das Adjektiv gut kritisch. Auch wenn wir extrem schädigende Verhaltensweisen entwicklungspsychologisch nachvollziehen können, ist es
doch nicht richtig, immer vom guten Grund zu sprechen? Was vermittelt diese
Begrifflichkeit den Geschädigten? Ethische Werte, die bestimmtes Verhalten nicht
billigen, müssen gleichwertig formuliert werden. Manches Verhalten ist sowohl
verstehbar als auch strafrechtlich relevant.
Kritische Überlegungen zur Expertokratie sind nichts Neues in der pädagogischen Diskussion. Expert*innenschaft meint die Expertise der Mädchen* und Jungen* für herausfordernden Lebensumständen und ausdrücklich nicht die Expertise von Fachleuten. »Kinder sind Expertinnen und Experten ihrer Lebenslage und
ihrer Geschichte, sie sind insofern auch Spezialisten für schwierige Lebenslagen«
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