1.8 KiB
möchte auch keine vorgefertigten Antworten geben, sondern das Recht haben, Fragen zu stellen. Für die neuen und extrem konservativen Bestrebungen kann das Spektrum nicht ganz so leicht abgegrenzt werden. In vielen Gesellschaften erhalten heute traditionelle Sozialmilieus wieder vermehrt Aufmerksamkeit, die ähnliche Orientierungen aufweisen, aber sehr unterschiedlich motiviert sind. Es finden sich darunter vor allem traditionelle, religiös geerdete und gegen einen modernen westlichen Lebensstil revoltierende Mentalitäten. Diese teilen mit orthodox Gläubigen nahezu aller Konfessionen diese Abneigung. Hier verbindet sich die Rhetorik radikaler Christen in den USA mit den Islamisten vieler muslimischer Länder. Ihre Opposition gegen die Durchmischung und Auflösung gruppenbezogener Zugehörigkeiten (zu Geschlecht, Religion oder Ethnie) weist große Ähnlichkeiten auf, ihr Streben nach Identitäten wird aber auch instrumentalisiert von rechtsextremistischen Gruppen. So entstehen schnell zwei Lager und nationale Artikulationen finden an der Grenze der demokratischen Tolerierbarkeit statt. Konservative in den zu Systemprotest gesteigerten Gruppierungen sehen sich mitunter auch sehr schnell als Gegner offener Demokratien. Radikale Demokratiegegner finden sich in den nationalistischen Bewegungen, die an faschistische Vorbilder anschließen wollen und die zumeist nicht religiös motiviert auftreten, dafür aber eine klare Orientierung an Führerfiguren vertreten (wiewohl viele religiöse Bewegungen auch dieser Tendenz sehr nahekommen). Beide demokratiefeindlichen Bewegungen überraschen einen großen Teil der demokratischen Öffentlichkeit, weil sie unhinterfragte Gewissheiten der individuellen Freiheitsrechte in Frage stellen. Ein Mittel dieser Radikalisierung breiter Bevölkerungsgruppen ist die Hinterfragung der Legitimität demokratischer Prozesse.