2026-001/documents/theory/diagnostics/einfuehrung-sozialisationstheorie/pages/394.md

1.9 KiB

wie »sonderbar« unsere Rolle ist. Ein Beispiel dazu: Der Anteil der schulischen Absolventinnen und Absolventen mit Abitur ist inzwischen auf einen Wert von rund 40 Prozent im Bundesdurchschnitt gestiegen. In der allgemeinen Wahrnehmung wird dies als »Abiturschwemme« empfunden. Und es gibt nicht wenige, die fragen, wohin sollen denn all diese Absolventinnen und Absolventen einmal vermittelt werden? Tatsächlich aber ist die deutsche Abiturquote ein Sonderfall im internationalen Vergleich. Nicht, weil sie besonders hoch, sondern weil sie immer noch so niedrig ist. Denn obwohl in den mit Deutschland vergleichbaren Ländern, also den hoch entwickelten Dienstleistungsökonomien, eine Abiturquote von über 70 Prozent normal ist und mitunter auch über 80 Prozent eines Jahrgangs die Hochschulzugangsberechtigung erwerben, überwiegt in Deutschland die Vorstellung, dass nur eine Minderheit studieren sollte. Vielleicht ist das ein Überbleibsel des alten Denkens, das darin besteht, nur der sozialen Elite den Zugang zum Gymnasium zu gewähren? Nichtsdestotrotz lässt die deutsche Bildungslandschaft noch eine weitere Besonderheit erkennen. Nämlich der Blick auf das, was nach dem Abitur oder parallel dazu erfolgt. Dies ist der Weiterbildungs- und der berufliche Bildungsbereich, der Bereich der nachholenden Bildung, was zusammengenommen auch als zweiter und dritter Bildungsweg bezeichnet wird. Auf diese Möglichkeiten, sich nachträglich zu qualifizieren und zwar mehrfach und bis zum Ziel der Hochschulzugangsberechtigung verzichten die meisten anderen Länder. Wir sprechen hier von der berühmten »zweiten Chance« des deutschen Bildungssystems, die im internationalen Vergleich ebenfalls fast einzigartig ist und die eine enorme soziale Mobilität (also vor allem soziale Aufstiegsprozesse) auch dann noch zulässt, wenn die Chance auf das Abitur verpasst wurde (hierzu Groh-Samberg et al. 2012).