1.8 KiB
gestiegenen Lebenserwartungen, so dass die Lebensphase des Seniorenalters heute als erweitert, erfüllt und größtenteils auch als gesund erwarten werden darf. Mit diesen Veränderungen unseres Blicks auf die unterschiedlichen Phasen des Lebenslaufs gehen auch Veränderungen für eine sozialisationstheoretische Perspektive einher. Einige dieser Veränderungen sollen hier (in Anlehnung an Bauer 2020) beschrieben werden, die sowohl empirische als auch theoretische Aspekte beinhalten. Mit dem Blick auf die Struktur des Lebenslaufs im historischen Vergleich kommt man nicht umhin, nach den Veränderungen in der Periodisierung der Lebensabschnitte zu fragen. Das soll einmal beispielhaft für das Jugendalter erörtert werden, weil hier besonders spannende Verschiebungen erfolgen. Was die historische Entwicklung nahelegt ist, dass analog zur »Erfindung der Kindheit« (Ariès et al. 1976) Jahrhunderts von einer nachfolgenden »Erfindung« der Jugend (Savage 2008) gesprochen werden kann. In historischer Perspektive lässt sich eine durchaus neue Beschreibung einer Lebensphase beobachten, die erst in der industriegesellschaftlichen Moderne auftaucht und erst im Anschluss als eigenständige abgrenzbare Struktur im Lebenslauf einzuschätzen ist. Gestreckte oder verkürzte Pubertät?
Heute sind ca. zehn Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 25 Jahre alt. Dennoch ist Jugend nur als eine Übergangsphase zwischen dem Erwachsensein und Kindheitsphase konnotiert, sie ist »Kuratorium«, eine Art Vorbereitungsphase für die Erwerbstätigkeit. Jugend als »Moratorium« und damit als Latenzphase anzusehen heißt, sie als Raum der Entwicklung und Orientierung, des Autonomiestrebens und des Ausprobierens von Lebensentwürfen zu beschreiben. Diese Wahrnehmung von Jugend ist seltener, vielleicht sogar fragwürdig geworden.