3.4 KiB
5.2 Externalisierende Auffälligkeiten
mit den Bezugspersonen und später dann weiteren Menschen. Für die Entwicklung der Verhaltensauffälligkeit ADHS spielen insbesondere Regulationserfahrungen der Kinder eine Rolle: Die inneren Zustände, insbesondere Arousal (allgemeine Erregung), Aktivität, Affekt und Aufmerksamkeit werden über die Interaktion reguliert und es kommt zu einer zunehmenden Selbstregulation (vgl. Papousek et al. 2004). Von Lüpke (2006) spricht in diesem Zusammenhang von einem »entgleisten Dialog« zwischen Kind und Eltern: »Hyperaktivität wäre ein verzweifelter Versuch, den Stillstand nach dem Entgleisen durch Bewegung aufzuheben« (ebd., S. 184 f). Aus der Analyse einschlägiger Studien kommt er zu dem Schluss, dass »allein die Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion beim sechs Monate alten Säugling verlässliche Vorhersagen für das Risiko einer ADHS ermöglicht. Die entscheidenden Kriterien waren dabei ein überstimulierendes und eindringliches (intrusives) Verhalten bei den Eltern sowie Beziehungsprobleme und mangelnde Unterstützung der Eltern« (ebd., S. 185). Wenn die Bezugspersonen selber Schwierigkeiten haben, mit der Regulation ihrer inneren Zustände – z. B. aufgrund psychischer Erkrankungen oder Suchtabhängigkeiten oder wenn sie aufgrund ungünstiger psychoökonomischer Zustände unter starkem Stress stehen – erleben Kinder zu wenig Unterstützung ihrer Selbstregulationsentwicklung. Hierfür benötigen sie Regelmäßigkeit, Bindungssicherheit und Klarheit, also auch Grenzen und Orientierung. In diesem Zusammenhang sind wiederum die Erkenntnisse von Stadler et al. (2006) interessant, die explizit darauf hinweisen, »dass aktuelle Verhaltensprobleme der Mütter für die Ausprägung der kindlichen Symptomatik von großer Bedeutung sind… [Es] ist anzunehmen, dass der Einfluss von Müttern mit eigenen aktuellen Impulskontrollproblemen sich negativ auf die Umsetzung einer konsequenten Erziehung oder strukturierten Alltagsgestaltung auswirken kann (…). Gerade bei Kindern mit einer externalen Verhaltensproblematik ist jedoch ein Erziehungsverhalten, das durch klare Regeln und eine konsequente Umsetzung geprägt ist, von entscheidender Bedeutung für den Verlauf und die Prognose problematischen kindlichen Verhaltens (Patterson et al. 2000)« (ebd., S. 359); Kinder seien bzgl. der Ausprägung der ADHS-Symptome und komorbider Störungen dann »am schwersten betroffen, wenn bei beiden Eltern von einer Aufmerksamkeits-Hyperaktivitätsstörung auszugehen ist« (ebd.). Zu gleichen Ergebnissen kommt Linderkamp (2006), der in einer eigenen Studie feststellen konnte, dass – mit verschiedenen Testskalen untersuchte – Eltern von Kindern mit ADHS »zu 18–34 % psychische Beeinträchtigungen auf[wiesen]« (ebd., S. 43). Insbesondere Kinder mit hoher Vulnerabilität oder einem »schwierigen Temperament« benötigen besondere Formen der unterstützenden Passung durch die Bezugspersonen (Bakermans-Kranenburg 2008). Ist diese nicht möglich, kommt es zu einer Symptomverstärkung. Viele Untersuchungen zeigen, dass ungeordnete, unstrukturierte, verwahrlosende und chaotische Familienverhältnisse in einem engen Wechselverhältnis zwischen der Vulnerabilität eines Kindes für ADHS und dem Schweregrad der Symptomatik stehen (vgl. Biedermann et al. 2002). »Man kann sich leicht vorstellen, dass eine primär im Kind angelegte ADHS-Symptomatik sich verstärkt, wenn das Kind nicht nur keine Hilfen beider Strukturierung von Wahr139