2.3 KiB
3 Allgemeines Modell der Entstehung von Verhaltensauffälligkeiten
positiven Anpassungen, gefolgt von negativen Veränderungen« (Petermann et al. 2004, S. 281). Auf diesem Hintergrund sollen in einem kurzen Exkurs einige Grundzüge der frühkindlichen (Normal‐)Entwicklung betrachtet werden.
3.2
Frühkindliche (Normal‐)Entwicklung: Die Entstehung des Selbst als handlungsleitende Struktur
Die Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie der frühesten Kindheit, insbesondere der Säuglingsforschung (Zusammenstellungen z. B. bei Rauh 2008, Stern 1992, Dornes 1995, 1997) belegen, dass Säuglinge als äußerst kompetente Wesen auf die Welt kommen, die von der ersten Lebensminute an die Interaktion mit ihren Bezugspersonen mitsteuern und bestrebt sind, sich die Welt aktiv anzueignen. Bereits vor der Geburt • machen Embryonen erste Sinneserfahrungen (Tasten, Schmecken, Hören) • kommt es zum Aufbau von strukturierten neuronalen Netzwerken durch Erfahrungen und zu einer nutzungsabhängigen Strukturierung des Gehirns • ist eine frühe Eigenaktivität zu beobachten (Hüther & Krens 2005, S. 79). Nach der Geburt lässt sich beobachten: • Das Kleinkind leitet von Geburt an eine hochdifferenzierte präverbale Kommunikation ein, hält sie aufrecht und wirkt auf ihren Ablauf ein (Stern 1979, S. 96 f). • Säuglinge verfügen von Geburt an über einen relativ differenzierten Wahrnehmungsapparat (Dornes 1995, S. 39 f) und können schon sehr früh zwischen vertrauten und nichtvertrauten Personen unterscheiden. • Säuglinge verfügen nahezu von Geburt an über ein differenziertes Grundmuster von Affekten (vgl. Dornes 1995, S. 116 ff): – Überraschung und Ekel sind schon bei Geburt zu beobachten, – Interesse/Neugier sowie Freude kann man schon nach wenigen Tagen anhand der Mimik und Bewegungsmuster von Säuglingen feststellen, – Traurigkeit, Furcht und Ärger sind ab dem ersten Monat zu beobachten. • Säuglinge sind mit einem hohen Maß an »Energie« ausgestattet: Sie besitzen eine Grundtendenz zu wachsen, im körperlichen, geistigen und psychischen Sinn (Stern 1992, Dornes 1995). → Also kann man von einer grundsätzlichen Tendenz des Kindes ausgehen, die Welt zu erobern, sie zu meistern und Mängel zu kompensieren – und sich nicht vor der Welt zurückzuziehen. 38