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4.3.5 Tabus und Geheimnisse, Scham- und Schuldgefühle in
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der Familie
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Unser Tabubegriff entstammt der Sprache Polynesiens. Tabu bedeutet
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dort unberührbar, verboten und heilig.
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Familien können bestimmte Themen mit Tabus belegen. Anders
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als bei Familiengeheimnissen richtet sich bei einem Tabu das Verbot
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nicht gegen die Existenz von etwas, sondern seine öffentliche
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Benennung. Nicht das Wissen ist verpönt, sondern seine Einführung
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in den Raum der öffentlichen Sprache – also die öffentliche
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Berührung des Signifikats durch den ihm zugehörigen Signifikanten.15
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In der Regel geht es um Themen, die Scham, Ekel oder Angst
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hervorrufen – Sexualität, Tod, Krankheiten, Geld oder sozial auffällige
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Handlungen von Familienmitgliedern. Dafür gibt es keine oder nur
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unzureichende Bewältigungsmöglichkeiten. Im Grunde verhalten sich
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die das Tabu einhaltenden Familienmitglieder wie radikale
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Konstruktivisten: Das einen unerwünschten Sachverhalt benennende
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Wort erzeugt diesen; also muss seine Nennung vermieden werden.
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Das Problem liegt in der Paradoxie dieser Technik: Die Aufforderung
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„Denke nicht an Blau“ provoziert geradezu die Vorstellung von Blau,
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denn ohne die Unterschiedsbeziehung zu dem positiv gesetzten
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Begriff kann dieser nicht negiert werden. Im Sinne dieser
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dialektischen Logik ruft das Tabu also den Gedanken an den
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„unberührbaren“ Sachverhalt hervor. Es wird zu einem Totempfahl,
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um den die Familie ihren rituellen Tanz inszeniert: Wie kann die
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Nennung des Namens verhindert werden; was tun, wenn es nicht
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gelingt; wem fällt dann welche Aufgabe zu; welche Strafe droht der
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Tabubrecherin?
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So kann die Straftat eines Familienmitgliedes zum Tabuthema
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erklärt werden, auf das alle blicken und zugleich darüber schweigen.
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Das kann den Abbruch oder zumindest das Einfrieren der
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Beziehungen zum sozialen Umfeld nach sich ziehen. Denn überall
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droht die Gefahr, auf das angesprochen zu werden, dessen
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Benennung verboten ist. Auch mit dem Tabu verwandte Themen sind
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dem Sprechverbot unterworfen, denn von diesen könnte man über
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