1.9 KiB
244
begleitet wurden und seine Verhaltensänderung respektvoll eingefordert und überprüft wurde. Jakob lebte in einer Heimgruppe. In einer Pflegefamilie konnte er nicht mehr bleiben, da er als Achtjähriger gegenüber der zweijährigen Tochter der Pflegeeltern sexuell übergriffig war. Als 16-Jähriger wurde er im Heim bei Übergriffen gegen jüngere Jungen erwischt. Er wurde konfrontiert und beobachtet, weitere Konsequenzen und eine intensive Auseinandersetzung mit seinem Täterverhalten erfolgte nicht, da die personellen Ressourcen fehlten. Jakob lebte nach der Heimunterbringung in der Nähe des Heimes, er hatte Kontakt zu den Mädchen und Jungen. Sieben Jahre später berichteten einige jüngere Mädchen von sexuellen Übergriffen Jakobs gegen sie. Jakob kann mittlerweile perfekt manipulieren. Wie viele zum Opfer des heute 30-Jährigen geworden sind, weiß niemand.
Wenn auf die sexuelle Misshandlung nicht reagiert wird, besteht die Gefahr, dass die Jungen und Mädchen13 irgendwann wieder mit sexuellen Übergriffen beginnen. Sie wachsen in die Rolle des Misshandlers hinein. 50 % aller erwachsenen Täter haben als Jugendliche begonnen (Bullens 1998, S. 16). Das Risiko einer Chronifizierung ist erheblich. Sexuelle Gewalt durch Minderjährige ist ein prognostisch schwerwiegender Risikofaktor für ihre weitere Persönlichkeitsentwicklung. Eine „Täterkarriere“ bedeutet eine schlechte Perspektive für das Leben als Erwachsener. Die Hilfeplanung aller Beteiligten muss folgende Fragen beantworten: – Wer arbeitet mit den betroffenen Jungen, Mädchen? – Welche Auflagen bekommt der übergriffige Junge, das übergriffige Mädchen? – Wer ist Kontrollinstanz? – Welche therapeutische Unterstützung wird angeboten? – Wie wird in der Gruppe thematisiert?
13 Ein Erfahrungsbericht von Maria Schuhmacher, einer Erzieherin in der Heimerziehung, berichtet über Mädchen als sexuelle Misshandlerinnen (2001).