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195 Julia versorgte und schützte die Geschwister als Fünfjährige. Sie durfte nicht Kind sein, musste Leistung bringen, um dazuzugehören, um etwas „wert“ zu sein. Im Heim übernimmt sie Arbeiten für die Gruppe und besteht darauf, die jüngeren Geschwister weiterhin zu versorgen. Ihre inneren Möglichkeiten, sich entlastet auf altersentsprechende Entwicklungsaufgaben zu konzentrieren, sind auch im Heim in Gefahr. Jana, Laura und Philipp sind gebunden in Sorge um das Wohlergehen der Eltern. Sie fühlen sich schuldig für das, was sie erleben mussten.
Gelingt es Philipp und Jana, sich für den Zusammenhang von altem und neuem Zustand einen lebensgeschichtlichen Sinn zu erschließen? Ein lebensgeschichtlicher Sinn, der Jana und Philipp nicht noch mehr mit Schuld- und Schamgefühlen belastet; Gelingt es Philipp und Jana ein Kohärenzgefühl zu entwickeln, das Gefühl, dass die gegebene Situation Bedeutung und eine Struktur hat, dass es Sinn macht, jetzt in dieser Einrichtung zu leben? Ein Sinn, der Zukunft ermöglicht, weil er Vergangenheit nicht auslässt?
9.4
Zukunft ermöglichen
Für viele Jugendliche ist das Leben nach der Heimerziehung risikoreich und unsicher. Kaum einer hat optimistische Erwartungen für die Zeit danach, schon gar nicht das Gefühl, dann beginne die große Freiheit. Wenn auch viele geschützte Kinder eher Bedenken hinsichtlich der großen Freiheit haben, sind die Unterschiede zu den Mädchen und Jungen aus herausfordernden Lebensumständen signifikant. Neben den traumatischen Erfahrungen behindert auch die Vorbildfunktion der Eltern die Entwicklung von Zukunftsperspektiven: „Die Eltern sind die Chiffre für ein gescheitertes, misslungenes Leben. […] Das Scheitern der Eltern überschattet das Leben ihrer Kinder auch deshalb, weil diese davon überzeugt sind, dass diese Unfähigkeit vererbt wird.“ (Wolf 2000, S. 32) Zusätzlich fehlt den Mädchen und Jungen aus der Heimerziehung die Unterstützung von Bezugspersonen. Die realen Unterschiede hinsichtlich Bildung und Ausbildung sind groß (8.3). Sie werden relativ früh in die ‚große Freiheit‘ entlassen. „Die Bedrohung bestand nicht primär