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9.3

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar10?

Die Trennung ist dann eine Chance, wenn ihr Ziel der Schutz vor weiteren Bedrohungen und die Gelegenheit für ein selbstbestimmteres Leben ist. Das kann aber nur dann erfasst werden, wenn für die Mädchen und Jungen die Möglichkeit besteht, von ihrer Welt zu berichten, „[…] einer Welt, in der verschiedenste Gefahren lauern und in der Vorstellungen von Gewalt und Verlust und Trennung dominieren“ (Kempe/Kempe, zit. n. Zitelmann 2001, S. 254). Nicht umsonst zählt die Möglichkeit der Realitätsanerkennung als Resilienzfaktor. Die Gewalterfahrungen dürfen, ja sie sollen von den Pädagoginnen unter Beachtung der Grenzen der Kinder und ihrer Dilemmata angesprochen werden. Alltagserfahrungen zeigen, dass Kinder häufiger das Gespräch über diese Gewalterfahrungen suchen. Die Argumentation, die Mädchen und Jungen sollen jetzt erst mal in Ruhe gelassen werden, sie sollen in ihrer neuen Umgebung unbelastet sein, vergibt diese Möglichkeit. Eine verantwortliche Enttabuisierung von Gewalt öffnet Türen. Die Kinder und Jugendlichen erfahren, was die Professionellen darüber denken. Sie erfahren, dass sie nicht alleine sind. Gefühle von Scham, Schuld und Isolation können bearbeitet werden. Oft sind Gewalterfahrungen der Kinder eine große Herausforderung für die Professionellen (14.1), der wir uns stellen müssen. Philipp kann nur durch die Auseinandersetzung mit seiner Herkunft erfahren, wer er eigentlich ist. Diese Auseinandersetzung ist anstrengend. Deswegen gilt hier noch mal im Besonderen: Jeder Mensch hat das Recht, sein Tempo selbst zu bestimmen. Wie Noah Mitglied im Expertinnenrat des Fachverbandes Traumapädagogik sagt, ist es schwere Arbeit (Kap. 8.1). Die Auseinandersetzung darf die Fähigkeiten innerer Verarbeitung nicht überschreiten. Unter Beachtung dieser Prämissen können die Pädagog*innen die Mädchen und Jungen bei einer kognitiven Neuordnung ihrer Lebensgeschichte begleiten, die in der Regel die Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie ist. 10 „Die Wahrheit nämlich ist dem Menschen zumutbar“, ein zentraler Satz der Lyrikerin Ingeborg Bachmann, der heute auf ihrem Grabstein steht.