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Gemessen an der großen Bedeutung, die die ursprünglichen Familienerfahrungen für die Gegenwart und die Zukunft der Kinder haben, kommt die Vergangenheit in der Pädagogik nur unzureichend vor: „In der Heimerziehung kommt Vergangenheit regelmäßig nur als Material für den Therapeuten, Zukunft aber überhaupt nicht vor“ (Winkler 1988, S. 6). Die Pädagog*innen begründen diesen Mangel mit der Angst vor Stigmatisierung: ‚Ich möchte das Kind kennenlernen ohne Vorwissen und wehre mich gegen Festschreibung‘ und ‚Dann kann ich auch den Mädchen einen Vertrauensvorschuss geben.‘9
Aber warum soll ein Aktenstudium einen Vertrauensvorschuss verhindern oder das Interesse an der Sichtweise der Beteiligten beeinträchtigen? Es muss andere Beweggründe für die Abwehr geben: „Je mehr ich von der Vorgeschichte der Kinder kannte, desto gespaltener war ich. Ich wollte die Missbrauchserlebnisse von Christian nicht wissen, um mit ihm frei und unbelastet umgehen zu können. In Wahrheit ist es mir aber nicht gelungen. Gerade beim Christian passierte es mir häufig, dass ich ihm Sachen habe durchgehen lassen, einfach weil ich dachte: Was hat dieses Kind alles durchgemacht.“
Die Lebensgeschichten sind sehr belastend. Die Pädagog*innen wollen sie vergessen: „Was mir hilft, ist, dass ich das im Umgang mit dem Kind auch sehr schnell wieder vergessen kann.“
Obwohl die Lebensgeschichten der Kinder wertvolle Hinweise für die pädagogische Unterstützung der Mädchen und Jungen aus herausfordernden Lebensumständen geben und – das beweist die Praxis – die Bezugspersonen damit entlasten (Weiß 1999), wird das ‚Furchtbare‘ immer wieder an die Therapie delegiert. Der 9
Dieses Zitat und folgende Aussagen von Pädagog*innen stammen aus meiner Studie (Weiß 1999).