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169 „Für mich gibt es eine immer wiedererlebte Erfahrung: Menschen, die mich nicht kennen, behandeln mich seltsam und anders als andere, sobald sie erfahren, dass ich in einer Einrichtung, einem „Heim“, aufgewachsen bin. Oft habe ich mich gefragt, warum? Verhalte ich mich komisch? Manchmal frage ich mich heute noch, ob das an mir liegt, obwohl ich doch weiß, dass es keinen Grund gibt, mich für meine Geschichte zu schämen. Dass ich mich dann doch schäme, macht mich wütend, denn ich will mich nicht schämen müssen.“ (Vogel 2018, S. 162)
Katharinas Erfahrungen sind ein Beispiel für eine „viktimisierenden Kultur“, ein Begriff, der von John Briere geprägt wurde (Briere 1996, S. 86). Diese befördere Entwertung und Diskriminierung von Mitgliedern der Gesellschaft mit geringerer sozialer Macht (z. B. Kindern, Frauen, Migrant*innen). Sie beinhalte gesellschaftliche Tendenzen der Abwehr, Verdrängung und Verschweigen von Gewalt sowie ablehnende gesellschaftliche Reaktionen auf das Verhalten von Überlebenden. Solange Katharina die Entwertung nicht als gesellschaftlich geschaffen versteht, wird sie die Ursache immer wieder in ihrer Person suchen. Im besten Falle wird sie fragen: Warum ist das so? Warum sind die Unterschiede zwischen den Menschen so groß? Warum halten sich Menschen für besser als andere? Wie entsteht Rassismus? Warum sind andere Lebensformen für manche so gefährlich? Warum leben wir so und die Reichen ganz anders? Wie verlaufen gesellschaftliche Umverteilungsprozesse? Was wollen autoritäre Bewegungen, warum gibt es sie, was bewegt die Menschen, die sich ihnen anschließen? Menschen, nicht nur Katharina, brauchen eine Erklärung ihrer Situation, die sie nicht isoliert und schuldig schreibt. Ein Verstehen der gesellschaftlichen Ungleichheiten und ihre Entstehung kann die heute angesagte Individualisierung des Scheiterns ein wenig korrigieren. Im besten Falle entsteht Veränderungswille. Gesellschaftlich handeln bedeutet auch die Entwicklung moralischer Urteilskraft. Hannah Arendt beschreibt in ihrem Buch über die persönliche Verantwortung in einer Diktatur (Arendt 2019, S. 36), wie sich die Beamten wie auch die Bevölkerung daran gewöhnten, dass Übel an sich zu akzeptieren und „[…] dass diese frühe moralische Desintegration der deutschen Gesellschaft, die