2026-001/documents/theory/diagnostics/philipp-sucht-sein-ich/pages/098.md

2.4 KiB
Raw Permalink Blame History

98

durch gesellschaftliche Strukturen auf die Identität auswirkt: „Nur sehr wenige Individuen bringen die Kraft auf, ihre eigene Identität zu wahren, wenn ihr sozialer, politischer und juristischer Status völlig verworren ist.“ (ebd., S. 26). Gesellschaftliche Bagatellisierung oder Nichtanerkennung der Schrecken vernichten Würde und Anerkennung. So dauerte es eine viel zu lange Zeit, bis Überlebende sexueller Gewalt öffentliche Anerkennung erfuhren, die geringen Ausgleichszahlungen sind immer noch ein Skandal. Auch der gesellschaftliche Umgang mit den Menschen, die aus Kriegs- und Armutsgebieten flüchten mussten, erkennt die Lebensleistungen und den Schmerz nicht an (Kap. 1.9). „Die gesellschaftliche aber auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Trauma war und ist häufig geprägt von einer Entwertung der Opfer und deren Leiden, welche den Normalbürger/innen als Schutz gegen eine Verunsicherung ihres basalen Sicherheitsgefühls und ihres Selbst- und Weltverständnisses dient, wie dies z. B. beim blaming the victim der Fall ist […]“ (Brandmaier/Ottomeyer 2016, S. 344,). Die daraus folgende gesellschaftliche Verweigerung von → Empathie und Anerkennung von Leid fördern Abspaltung, es entsteht eine Amnesie des Schmerzes, die als Gefühlstaubheit auch eine dissoziative Erscheinungsform vor Überflutung von Gefühlen schützt, die die Gesellschaft nicht wahrnehmen will, nicht erlaubt. Und vielleicht muss als Folge das Eigene bekämpft, als fremd von sich gewiesen werden. Die Identität bezieht sich dann sehr auf die Anpassung an Erwartungen anderer und an äußere Strukturen, ein authentisches Selbst wird nur schwer entstehen. Diese Dynamik wirke einerseits individuell und andererseits gesellschaftlich. Arno Gruen beschreibt in seinem Buch „Der Fremde in uns“ wie die Abspaltung der Schrecken der Kindheit zur Verachtung für das Leben anderer führen kann: „Die Verachtung anderer (wird so, Anm. der Verf.) zur Basis einer Identität, der das Eigene fehlt, die haßt, was sie hätte sein können, und die deshalb das Fremde braucht, um dort das eigene Fremde bestrafen zu können.“ (Gruen 2002, S. 190). Auf diesem Weg wird Gewalt weitergetragen, Gewalt gegen sich selbst und gegen andere Menschen, Minderheiten und Menschen, die das eigene Weltbild infrage stellen. „Dies geschieht so lange wie das eigene Opfer nicht erkannt werden darf.“ (Gruen 2002, S. 23). Ein