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Dissoziation als Anpassungsleistung

sowieso nichts. Ihr alle! Sozialarbeiter, ihr seid doch alle dumm wie Brot. Lasst mich bloß in Ruhe, ich komm allein klar. Ich hasse diese Scheiß-WG. Geh mir aus dem Weg, sonst mach ich dich fertig!« Damit dreht sie sich um, drängt sich mit zum Schlag erhobener Hand an mir vorbei und geht mit festem Schritt die Treppe hoch in ihr Zimmer.

Dissoziative Anteile In dieser Szene zeigen sich verschiedene Seiten/Anteile/Facetten von Josi in schnellem Wechsel. Solche »Stimmungswechsel« sind typisch für traumatisierte, dissoziative Kinder. Als Diagnose gibt es die dissoziative Identitätsstörung für Kinder nicht, deutliche dissoziative Symptome gibt es bei Kindern aber ebenso wie innere Anteile. Grimmick hat den Vorschlag einer »sich entwickelnden dissoziativen Identitätsstörung« (Grimmick 2014, S. 99) gemacht. Innere Anteile zeigen sich bei Kindern qualitativ oft anders als bei Erwachsenen, sie sind häufig etwas weniger abgespalten. Die inneren amnestischen Grenzen sind noch nicht ganz so fest bzw. lassen sich noch leichter korrigieren. Kinder berichten oft mit großer Selbstverständlichkeit von ihren inneren Anteilen. Oft bleiben diese Anteile allerdings unentdeckt, weil niemand das Kind nach ihnen fragt (Weinberg 2014; Marks 2015). Gerade Kinder begreifen ihr inneres gespaltenes Erleben häufig als normal und thematisieren es deshalb nicht von sich aus als Problem. Nach Putnam (1997) ist die Entwicklung von verschiedenen Verhaltenszuständen Teil der normalen kindlichen Entwicklung. Im Zuge von traumatischen Erlebnissen kommt es zu einem Mangel an Integration bzw. Überbrückung der verschiedenen Verhaltenszustände. Schulz von Thun (2010) beschreibt für nicht-traumatisierte Erwachsene etwas Ähnliches mit seinem Konzept des Inneren Teams. Wir alle haben verschiedene Stimmen in uns, wir merken das spätestens bei wichtigen und schwierigen Entscheidungen, bei denen sich Pro- und Kontra-Stimmen in uns streiten. Nach der Ego-State-Theorie von Watkins und Watkins (1997) entwickeln wir unterschiedliche Ichs für unterschiedliche Situationsanforderungen, so haben wir etwa ein Familien-Ich neben einem Arbeits-Ich. Im Zuge der gesunden Entwicklung sind die Grenzen zwischen diesen Ichs durchlässig, wir können problemlos zwischen ihnen hin und her pendeln und ihre jeweiligen Stärken nutzen. Alle traumatheoretischen Anteile-Konzepte betonen, wie wichtig die Unterstützung von Bezugspersonen für ein Kind ist, um schwierige Erlebnisse integrativ zu verarbeiten. Es wird davon ausgegangen, dass sich stärker abgespaltene Anteile gerade dann entwickeln, wenn das Kind eine traumatische Erfahrung nicht besprechen und verarbeiten kann. Je früher, schwerwiegender und häufiger Kinder traumatische Gewalt, vor allem durch nahe Bezugspersonen erleben, desto stärker prägen sich die Grenzen zwischen den inneren Anteilen aus (Julius/Stolz 2002), sodass es zu abgespaltenen amnestischen Anteilen im Sinne einer entstehenden