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Von der Forschung zur pädagogischen Praxis mit zwangsmigrierten Kindern und Jugendlichen

Gleichwohl sind nicht alle seelischen Verletzungen derart linear mit massiv auffälligem Verhalten, sei es aggressiv-ausagierend oder zurückgezogen, verbunden. Manche junge, teils traumatisierte Menschen zeigen, so lässt sich exemplarisch rekonstruieren, hoch angepasstes Verhalten. Gerade in diesen Fällen lassen sich die traumatischen Erlebensmuster zumindest partiell aus einer Analyse der eigenen emotionalen Beteiligung entschlüsseln. Karin formuliert dies folgendermaßen: »Ich hab […] manchmal das Gefühl, dass es also auch Formen von Traumatisierung gibt, […] die maskiert sind und zwar so maskiert, dass mans nicht erkennt, dass also […] ein diffuses Gefühl da ist, […] das man nicht packen kann […] das bereitet mir manchmal Schwierigkeiten, weil diese Schüler dann so perfekt sind, also die haben auch genau die richtige […] Menge an Fehlverhalten, um unauffällig zu sein« (Wipperfürth 2014, S. 17).

Die Lehrerin erlebt demnach ein kaum fassbares, für sie selbst nicht recht symbolisierbares Gegenübertragungsgefühl das zunächst schwer einzuordnen ist. Gleichwohl, so kann begründet argumentiert werden, spiegeln sich in jenem Affekt in zweierlei Hinsicht traumaassoziierte Aspekte: Es ist einerseits jene innere Einsamkeit, die van der Hart und Kollegen als Kernmerkmal von Traumatisierung bezeichnen (van der Hart et al. 2004). Dabei steht die Nicht-Bezogenheit zu positiven inneren Repräsentanzen im Mittelpunkt, in der Gegenübertragung zeigen sich diese Emotionen nunmehr als Leere hinsichtlich klarer und fassbarer Emotionen. Andererseits bildet sich im »diffusen Gefühl« und dem Eindruck der »Maskierung« von seelischem Leid eine besondere Fremdheit zwischen der Pädagogin als Vertreterin der Mehrheitsgesellschaft und dem geflüchteten Jungen ab. Die der Selbstreflexion entstammenden Informationen sind somit auch Ausdruck eines sehr aktuellen Aspekts sequenzieller Traumatisierung, der sich in der pädagogischen Interaktion widerspiegelt. Zwar ist die Rekonstruktion der pädagogischen Interaktion hier sehr knapp skizziert, dennoch: Analog zur theoretischen Entwicklung ist auch die Fallvignette durch eine hohe emotionale Beteiligung der Lernenden und Lehrenden geprägt. Die Analyse der affektiven Beteiligung in den Formen Einfühlung und Selbstreflexion ermöglicht wesentliche Rückschlüsse auf die Erfahrungen und Erlebensmodi der Kinder und Jugendlichen, insbesondere aber auf die Herausforderungen der aktuellen Beziehung. Pädagogisch dominiert im vorliegenden Fall ein haltender Beziehungsmodus zwischen Karin und ihren Schülerinnen und Schülern. Das heißt, es kann davon ausgegangen werden, dass die Jugendlichen in der unmittelbaren Zwei-Personen-Interaktion mit der Lehrkraft ein weitgehend sicheres Setting vorfinden.

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