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Fallbesprechungs-Materialien

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Übersicht

Dieses Kapitel widmet sich der Strukturierung und methodischen Gestaltung von Fallbesprechungen im Rahmen der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG). Es bietet theoretische Grundlagen sowie praxisorientierte Leitfäden für die verschiedenen Prozessschritte.

1. Grundlagen der Fallbesprechung

Was ist ein Fall?

Ein "Fall" entsteht, wenn Professionelle der Sozialen Arbeit mit einer Situation konfrontiert sind, die die Frage aufwirft: "Was ist zu tun?". Ein Fall konstituiert sich dadurch, dass eine Fallgeschichte (Fall erster Ordnung) durch Reflexion und methodisches Fallverstehen in eine planbare Form (Fall zweiter Ordnung) transformiert wird (Hochuli Freund/Stotz 2017, P192).

Zweck und Ziel

Fallbesprechungen schaffen einen "kasuistischen Raum" für das gemeinsame Nachdenken. Ziele sind:

  • Vertieftes Verständnis der Fallproblematik.
  • Entwicklung neuer Interventionsmöglichkeiten.
  • Koordination der fachlichen Arbeit (Hochuli Freund/Stotz 2017, P193).

Typen von Fallbesprechungen

Es werden verschiedene Typen unterschieden, je nach Zusammensetzung und Zweck:

  1. Intraprofessionelles Team (gemeinsame Aufgaben): Z.B. Wohngruppen. Ziel ist ein differenziertes Bild und abgestimmtes Vorgehen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P193).
  2. Intraprofessionelles Team (alleinige Fallführung): Z.B. Sozialberatung. Ziel ist Perspektivenerweiterung, Überprüfung der Strategie und Absicherung von Entscheidungen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P194).
  3. Interprofessionelles Team: Verschiedene Berufsgruppen in einer Organisation. Ziel ist ein transdisziplinäres Gesamtbild und Koordination (Hochuli Freund/Stotz 2017, P194).
  4. Mit Klientinnen und Klienten: Gemeinsames Fallverstehen, z.B. mittels "Reflecting Team" (Hochuli Freund/Stotz 2017, P195).

Institutionalisierung und Struktur

Fallbesprechungen benötigen eine klare äussere und innere Struktur.

  • Institutionalisierung: Regelmässige Gefässe (z.B. wöchentlich) gewährleisten Qualität. Ein Modell ist die vertiefte Besprechung eines Falls (30-45 Min.) kombiniert mit Kurz-Blitzlichtern zu anderen Fällen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P196).
  • Inhaltliche Struktur: Eine Moderation ist essenziell für Zeitmanagement und thematische Fokussierung. Im Gegensatz zur thematisch offenen "Kollegialen Beratung" ist die Fallbesprechung in der Sozialen Arbeit klar auf Klientenprobleme und professionelle Unterstützung ausgerichtet (Hochuli Freund/Stotz 2017, P197).

2. Materialien für die KPG-Prozessschritte

Für jeden Schritt der Kooperativen Prozessgestaltung stehen spezifische Leitfäden zur Verfügung.

2.1 Fallvorstellung

Basis jeder Besprechung ist eine prägnante Vorstellung (3-8 Min.).

  • Pflichtpunkte: Personalia, Aufträge, Fragestellung.
  • Weitere Aspekte: Familiäre Situation, Biografie, Gesundheit, Ressourcen etc. (Hochuli Freund/Stotz 2017, P199).

2.2 Einordnung und Kurzfallbesprechungen

Fragen zur Klärung, welcher Prozessschritt aktuell relevant ist:

  • Fehlen Informationen? -> Situationserfassung
  • Ist unklar, worum es eigentlich geht? -> Analyse
  • Fehlt eine Erklärung für das Verhalten? -> Diagnose
  • Ist unklar, wohin die Reise geht? -> Ziele
  • Fehlen Ideen für das Tun? -> Interventionsplanung
  • Soll zurückgeschaut werden? -> Evaluation (Hochuli Freund/Stotz 2017, P208).

2.3 Situationserfassung

  • Ziel: Ein möglichst umfassendes Bild erhalten, Beobachtungen zusammentragen.
  • Regeln: Beschreiben statt bewerten, Ressourcenorientierung (mind. 60% positiv).
  • Fokus: Aktuelle Situation (Beobachtungen, Aussagen) oder Rückblick auf bisherige Arbeit (Hochuli Freund/Stotz 2017, P200).

2.4 Analyse

  • Ziel: Den Fall untersuchen, Hypothesen bilden und zur "Fallthematik" verdichten.
  • Methoden:
    • Fallinszenierung: Stellvertretendes Einnehmen von Rollen, um Gefühle und Sichtweisen zu erkunden.
    • Reflexion des Erlebens: Aussprechen schwieriger Gefühle im Team als Hinweis auf Klientengefühle (Spiegelung).
    • Ressourceneinschätzung: Offen oder systematisch (z.B. Kompetenzbogen).
  • Ergebnis: Formulierung der "Fallthematik" (Worum geht es im Kern?) (Hochuli Freund/Stotz 2017, P202).

2.5 Diagnose

  • Ziel: Verstehen und Erklären der Dynamiken, Finden von Ansatzpunkten.
  • Vorgehen:
    • Alltagsbasierte Erklärungen: "Böser Blick" (negative Erklärungen aussprechen) vs. "Freundlicher Blick" (Sinnhaftigkeit des Verhaltens verstehen).
    • Theoriegeleitetes Fallverstehen: Nutzung von Theorien zur Erhellung des Falls.
  • Ergebnis: Formulierung einer "Arbeitshypothese" (Wenn..., dann...) (Hochuli Freund/Stotz 2017, P205).

2.6 Ziele

  • Ziel: Veränderungsrichtung bestimmen und Vereinbarungen treffen.
  • Vorgehen:
    • Unterstützungsziele: Was wollen die Professionellen erreichen? (z.B. Motivation wecken).
    • Bildungsziele: Was möchte der Klient erreichen? (z.B. Freunde finden).
    • Methoden wie die "Wunderfrage" können helfen, Visionen zu entwickeln (Hochuli Freund/Stotz 2017, P207).

2.7 Interventionsplanung

  • Ziel: Konkrete Handlungsmöglichkeiten finden und auswählen.
  • Schritte:
    1. Entwerfen: Brainstorming, auch "verrückte" Ideen.
    2. Reflexion: Realisierbarkeit, Nebenwirkungen, "Best-Case" vs. "Worst-Case" Szenarien, "Katastrophengeschichte".
    3. Entscheiden: Auswahl und konkrete Planung (Wer macht was?) (Hochuli Freund/Stotz 2017, P207).

2.8 Evaluation

  • Ziel: Rückblick, Lernen, Selbstreflexion.
  • Fokusbereiche:
    • Analytische Phase: War die Diagnose zutreffend?
    • Handlungsphase: Was wurde umgesetzt? Was hat sich verändert?
    • Prozess/Kooperation: Wie war die Zusammenarbeit (mit Klient, Team, extern)?
  • Abschluss: Was lernen wir für diesen und andere Fälle? (Hochuli Freund/Stotz 2017, P210).

Quellennachweis

Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: Evidenzdatei Fallbesprechung

Referenzen

  • Hochuli Freund, Ursula / Stotz, Walter (2017): Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis.