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Kooperative Bedarfsermittlung und Weiterentwicklung des Wohnbereichs

Dieses Kapitel fasst das Praxisentwicklungsprojekt bei der Lebenshilfe Lörrach e. V. zusammen, wie es im Buch "Kooperative Prozessgestaltung in der Praxis" beschrieben wird. Das Projekt hatte zum Ziel, die Methodik der Kooperativen Prozessgestaltung (KPG) in einer Einrichtung der Behindertenhilfe zu implementieren.

1. Das Projekt

Im Rahmen eines dreijährigen, von der Aktion Mensch geförderten Projekts (20132015) wurde die Methodik KPG im Wohnbereich der Lebenshilfe Lörrach e. V. eingeführt. Das Projekt wurde wissenschaftlich von der Hochschule für Soziale Arbeit der FHNW begleitet (Hochuli Freund/Stotz 2017, P152).

Das Projekt gliederte sich in zwei Teilprojekte:

  1. Entwicklung eines neuen Angebots: Die "Kooperative Bedarfsermittlung" (KB) für junge Menschen mit komplexen Problemlagen.
  2. Neuausrichtung bestehender Angebote: Implementierung von KPG in den ambulanten und stationären Wohnbereichen zur Stärkung der Klientenpartizipation und Ressourcenorientierung (Hochuli Freund/Stotz 2017, P153).

2. Ein neues Angebot: Kooperative Bedarfsermittlung (KB)

Die Kooperative Bedarfsermittlung (KB) ist ein Verfahren, um gemeinsam mit Klientinnen und Klienten den individuellen Unterstützungsbedarf für eine Veränderung der Wohn- und Lebenssituation zu klären.

2.1 Zielgruppe und Rahmenbedingungen

Das Angebot richtet sich an volljährige Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, die ihre Wohnsituation verändern möchten, deren Hilfebedarf jedoch unklar ist. Oft weisen diese Personen zusätzlich soziale Auffälligkeiten oder schwierige soziale Situationen auf. Die Teilnahme ist freiwillig und dauert in der Regel vier bis sechs Monate (Hochuli Freund/Stotz 2017, P157).

2.2 Verfahren und Instrumente

Das Verfahren orientiert sich an den Schritten des KPG-Modells. Es wurden spezifische Instrumente entwickelt oder angepasst, um die Sichtweise der Klienten zu erfassen.

  • Beziehungsaufbau: Der Prozess beginnt oft mit einer "Lebensweltorientierten Einzelaktivität" (z. B. Spaziergang, Eis essen), um eine Arbeitsbeziehung in einer informellen Atmosphäre aufzubauen und das Umfeld kennenzulernen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P158).
  • Analyse-Instrumente:
    • Silhouette: Visualisierung der Selbsteinschätzung von Stärken, Schwierigkeiten, Wünschen und Ängsten. Dies kann zur "Perspektivenanalyse" erweitert werden, indem Fremdeinschätzungen eingeholt werden (Hochuli Freund/Stotz 2017, P159).
    • Fragebogen zum Hilfebedarf (H.M.B.-W.): Ein vereinfachter Fragebogen, mit dem Klienten ihre Fähigkeiten selbst einschätzen können (z. B. "Kann ich", "Will ich lernen") (Hochuli Freund/Stotz 2017, P159).
    • Zeitstrahl: Erfassung biografischer Verlaufsdaten und subjektiver Bewertungen von Ereignissen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P159).
    • Netzwerkkarte & Genogramm: Visualisierung sozialer Beziehungen und des Familiensystems mittels Holzfiguren in einem Koordinatensystem (Hochuli Freund/Stotz 2017, P159).
    • Zukunftswünsche: Einsatz kreativer Methoden und Fragen aus dem Instrument "Schöner Wohnen" (Hochuli Freund/Stotz 2017, P160).
  • Hospitationen: Klienten können durch Kurzzeitaufenthalte oder Besuche verschiedene Wohnformen kennenlernen. Dies ermöglicht auch Fachkräften eine detailliertere Einschätzung des Pflege- und Unterstützungsbedarfs (Hochuli Freund/Stotz 2017, P160).

2.3 Diagnose und Empfehlung

Im KB-Team werden die Daten strukturiert ausgewertet. Es werden feststellende Hypothesen gebildet und eine "Fallthematik" formuliert ("Worum geht es in diesem Fall?"). Durch theoriegeleitete Überlegungen entstehen erklärende Hypothesen, die in einer Arbeitshypothese (Wenn-Dann-Formulierung) münden (Hochuli Freund/Stotz 2017, P160).

Darauf basierend wird eine Empfehlungsplanung erstellt. Diese enthält Aussagen zur sozialpädagogischen Begleitung und eine konkrete Wohnempfehlung (Wohnform, Struktur). Die Empfehlungen sind trägerneutral (Hochuli Freund/Stotz 2017, P161).

2.4 Beispielbericht

Ein KB-Bericht folgt einer festen Struktur: Einleitung, Ausgangslage, Ergebnis (Fallthematik, Arbeitshypothese) und Empfehlungen. Im Fallbeispiel "Maria Lembo" (20 Jahre, Lernbehinderung, schwierige Familiengeschichte) ergab die Analyse, dass sie entgegen dem Wunsch der Mutter noch nicht ausziehen wollte. Die Empfehlung umfasste daher zunächst den Verbleib in der aktuellen Wohnsituation bei gleichzeitiger ambulanter Begleitung zur Aufarbeitung der Familiengeschichte, Übernahme von mehr Verantwortung im Haushalt und schrittweiser Heranführung an das Thema Wohnen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P162).

3. Veränderung der bisherigen Angebote

Parallel zur Einführung der KB wurde KPG in den bestehenden Wohnbereichen implementiert.

3.1 Ambulante Wohnbegleitung

Hier wurden Schulungen zu den Prozessschritten Analyse, Diagnose und Ziele durchgeführt.

  • Methoden: Einführung von Silhouette, Zeitstrahl, Netzwerkkarte und Genogramm als Standardinstrumente.
  • Fallbesprechungen: Einführung regelmässiger, strukturierter Fallbesprechungen (45 Min. pro Monat), zunächst extern moderiert, später durch geschulte Teamleitungen.
  • Erkenntnis: Die Methoden halfen, Verhalten vor dem Hintergrund der Biografie besser zu verstehen und neue Interventionen zu wagen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P170).

3.2 Stationäre Wohnangebote

Die Ausgangslage im stationären Bereich war durch unterschiedliche Qualifikationsniveaus und fehlende Strukturen für Fallarbeit gekennzeichnet.

  • Niederschwelliger Zugang: Statt über Instrumente erfolgte der Zugang über die Einführung strukturierter Fallbesprechungen in den Teamsitzungen.
  • Umsetzung: Integration einer 45-minütigen Fallbesprechung in die wöchentliche Teamsitzung (später zweiwöchentlich).
  • Ergebnis: Trotz anfänglicher Skepsis wurde der Nutzen (neue Sichtweisen, vertieftes Fallverständnis) von den Mitarbeitenden anerkannt und die Struktur etabliert (Hochuli Freund/Stotz 2017, P174).

3.3 Aufnahmeverfahren

Das Aufnahmeverfahren wurde für alle Wohnangebote vereinheitlicht.

  • Standard: Einsatz der Instrumente "Silhouette" und "Perspektivenanalyse" in zwei Terminen vor der Aufnahme.
  • Ziel: Erfassung der Sichtweise der Klienten und Angehörigen von Beginn an, Vermeidung von Fehlplatzierungen und Sicherstellung der Partizipation (Hochuli Freund/Stotz 2017, P177).

4. Fazit und Ausblick

Das Projekt führte zu einer sichtbaren Professionalisierung und Qualitätssteigerung. Die Arbeit wurde strukturierter, fachlich fundierter und stärker an den Bedürfnissen der Klienten orientiert. Herausforderungen bleiben die Sicherstellung der Finanzierung des KB-Angebots, die kontinuierliche Schulung der Mitarbeitenden (da KPG anspruchsvoll ist) und die Adaption der Methoden für Menschen mit schwereren Beeinträchtigungen (Hochuli Freund/Stotz 2017, P179).


Quellennachweis

Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: Evidenzdatei Kooperative Bedarfsermittlung


Verweise: