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# Kapitel 10: Diagnose
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Dieses Dokument fasst das 10. Kapitel "Diagnose" aus dem Buch *Kooperative Prozessgestaltung in der Sozialen Arbeit* zusammen. Es behandelt die Aufgaben, Merkmale und spezifischen Methoden der Diagnose, insbesondere das theoriegeleitete und das rekonstruktive Fallverstehen.
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## 1. Einleitung und Begriffsbestimmung
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Die Diagnose gilt als zentraler Prozessschritt, dessen Ziel das Erhellen und Verstehen eines Falles ist ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P253](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-1)). Während die Analyse eine strukturierte Auslegeordnung zur Klärung der Fallthematik vornimmt, dienen Diagnosemethoden der Erklärung dieser Thematik ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P255](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-2)).
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Etymologisch bedeutet Diagnose "unterscheidende Beurteilung" oder "Durchblick". In der Sozialen Arbeit geht es darum, Merkmale eines Gegenstandes methodisch zu erforschen und mit bekannten Begriffen (dem "Allgemeinen") abzugleichen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P255](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-2)).
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Historisch war Mary Richmonds "Social Diagnosis" (1917) ein Meilenstein, der von Alice Salomon (1926) für den deutschsprachigen Raum adaptiert wurde. Nach einer Phase der Skepsis in den 1980er Jahren hat die Diagnostik als Merkmal der Professionalisierung wieder stark an Bedeutung gewonnen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P259](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-3)).
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## 2. Aufgabe und Merkmale
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Diagnostik in der Sozialen Arbeit sucht nach sinnvollen Unterstützungen in komplexen Lebensverhältnissen. Sie generiert Erklärungen für unklare Situationen und Prozesse ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P262](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-4)).
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### 2.1 Professionstheoretische Standards
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Nach Heiner (2013) gelten vier normative Postulate für eine Soziale Diagnostik ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P262](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-4)):
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1. **Sozialökologische Orientierung**: Einbezug der Lebenswelt und Verhältnisse.
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2. **Multiperspektivische Orientierung**: Nutzung unterschiedlicher Wissensbestände und Sichtweisen.
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3. **Partizipative Orientierung**: Beteiligung der Klientinnen am Prozess.
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4. **Reflexive Orientierung**: Kritische Überprüfung und Vermeidung von Etikettierungen.
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### 2.2 Fallverstehen und Handlungsleitung
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Im Zentrum steht das hermeneutische Fallverstehen, das die subjektive Logik und den "Eigen-Sinn" der Klienten entschlüsseln will ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-5)). Diagnose ist kein Selbstzweck, sondern hat eine **handlungsleitende und prognostische Funktion**. Sie soll die Passung zwischen Problemlage und Intervention herstellen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P265](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-5)).
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### 2.3 Merkmale der Diagnose
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* **Wissensbasierte Deutungen**: Validierung erfolgt durch Angemessenheit (Sicht der Klientin) und Wirksamkeit (der Intervention) ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P269](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-6)).
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* **Hypothesencharakter**: Da es keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zuordnungen gibt, sind Diagnosen immer hypothetisch ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P276](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-7)).
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* **Prozesshaftigkeit**: Diagnosen müssen ständig überprüft und angepasst werden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P276](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-7)).
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### 2.4 Expertendiagnose vs. Dialogische Verständigung
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Es besteht ein Spannungsfeld zwischen der "Expertendiagnose" (Professionelle deuten stellvertretend) und dem "dialogischen Aushandlungsprozess" (gemeinsame Verständigung). Ein wesentlicher Teil der Diagnose ist es, Expertenwissen in den Dialog einzubringen und zu "tragfähigen Bildern" für alle Beteiligten zu verdichten ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P278](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-8)).
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### 2.5 Funktionen und Kategorien
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Heiner unterscheidet vier Funktionen der Diagnostik ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P278](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-8)):
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1. **Orientierungsdiagnostik**: Überblick gewinnen.
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2. **Zuweisungsdiagnostik**: Entscheidungsgrundlage für Hilfen.
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3. **Gestaltungsdiagnostik**: Laufende Anpassung des Hilfeprozesses.
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4. **Risikodiagnostik**: Einschätzung von Gefährdungen.
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Methodisch werden zwei Hauptkategorien unterschieden ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P280](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-9)):
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* **Wissensbasierte Methoden**: Fall wird auf der Folie von Theorie/Wissen betrachtet (z.B. Theoriegeleitetes Fallverstehen).
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* **Rekonstruktive Methoden**: Rekonstruktion von Sinnstrukturen aus Selbsterzählungen mittels qualitativer Forschungsmethoden.
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## 3. Theoriegeleitetes Fallverstehen
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Diese Methode erhellt eine Fallthematik durch den gezielten Beizug von Theorien. Sie wurde an der FHNW entwickelt und umfasst fünf Schritte ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P280](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-9)).
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### 3.1 Die fünf Schritte
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1. **Wahl geeigneter Wissensbestände**:
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Basis ist die in der Analyse geklärte **Fallthematik**. Nicht "der ganze Fall", sondern das Erklärungsbedürftige wird untersucht. Es werden Theorien (Soziale Arbeit, Nachbardisziplinen) ausgewählt, die zur Thematik passen. Empfohlen wird die Arbeit mit mindestens zwei unterschiedlichen Theorien ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P282](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-10)).
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2. **Relationierung Theorie und Fall**:
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Der Fall wird durch die "Brille" der Theorie betrachtet ("Theoriegeleitete Fallüberlegungen"). Es wird nach Zusammenhängen gesucht und der Fall auf der Folie des Allgemeinen beschrieben. Dies ist eine Suchbewegung des Verstehens ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P282](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-10)).
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3. **Fokussierung der Erklärungen**:
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Die wichtigsten Erkenntnisse werden als **erklärende Hypothesen** in der Form "Weil..." gebündelt. Sie müssen schlüssig aus den Fallüberlegungen hergeleitet sein ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P288](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-11)).
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4. **Handlungsleitende Arbeitshypothese**:
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Dies ist das Ergebnis der Diagnose. Sie verbindet die Erklärung (Bedingungsteil) mit einer Prognose/Zielrichtung (Ermöglichungsteil) in der Form **"Wenn... dann..."**. Sie dient der Komplexitätsreduktion und bildet die Basis für die Zielsetzung ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P288](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-11)).
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5. **Folgerungen für die Professionellen**:
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Ableitung von Konsequenzen für das professionelle Handeln, oft formuliert als **Fragestellung** (z.B. "Wie kann es gelingen, dass..."). Dies schlägt die Brücke zur Interventionsplanung ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P291](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-12)).
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**Abb. 22: Vorgehensschritte beim theoriegeleiteten Fallverstehen** ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P291](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-12))
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* **Schritt 1: Theoriewahl**
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* Welche unterschiedlichen Wissensbestände (Theorien, Konzepte, Forschungsergebnisse) könnten aufschlussreich sein und dazu beitragen, die Fallthematik zu erhellen?
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* *Bewegung der Öffnung I < Blick zurück*
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* **Schritt 2: Theoriegeleitete Fallüberlegungen**
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* Welche Verbindungen lassen sich herstellen zwischen Theorie und Fall/Fallthematik? Inwiefern können Situationen und Verhaltensweisen im Fall auf dem Hintergrund der ausgewählten Theorien oder Forschungsergebnisse erklärt und verstanden werden?
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* *Bewegung der Öffnung II < Blick zurück*
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* **Schritt 3: Erklärende Hypothesen**
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* Welche Erklärungen zur Fallthematik lassen sich aus diesen Fallüberlegungen festhalten? Wie lassen sich diese Erklärungen in den Dialog mit dem Klienten einbringen und validieren?
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* *Bewegung der Schliessung I < Blick zurück*
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* **Schritt 4: Handlungsleitende Arbeitshypothese**
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* Welches sind die wichtigsten Erklärungen, und was wird auf der Klientenebene angestrebt? Wie lassen sich diese Überlegungen in den Dialog mit der Klientin einbringen und validieren?
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* *Bewegung der Schliessung II < Blick zurück und nach vorne >*
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* **Schritt 5: Folgerungen für die Professionellen**
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* Was bedeuten diese diagnostischen Ergebnisse für das Handeln der Professionellen? (Fragestellung / Erkenntnisse bezüglich Aufgaben / Unterstützungsziel(e)?)
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* *Überleitung zur Interventionsplanung Blick nach vorne >*
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### 3.2 Kooperatives und Erfahrungsbasiertes Fallverstehen
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Die fachlichen Hypothesen sollen in den Dialog mit den Klienten eingebracht und validiert werden. Wenn Klienten Erklärungen als hilfreich anerkennen, werden diese in die Arbeitshypothese aufgenommen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P291](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-12)).
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Als niederschwellige Variante für Teams ohne tiefes Theoriewissen gibt es das **erfahrungsbasierte Fallverstehen** (z.B. Methode "Böser Blick – freundlicher Blick"), um implizite Erklärungen explizit zu machen ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P295](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-13)).
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## 4. Rekonstruktives Fallverstehen
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Diese Methoden stammen aus der qualitativen Sozialforschung und rekonstruieren die "Eigenlogik" des Falles anhand von (meist narrativen) Interviews ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P295](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-13)).
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### 4.1 Objektive Hermeneutik (Oevermann)
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Zielt auf die Erschließung **latenter Sinnstrukturen**. Durch Sequenzanalyse wird die Differenz zwischen objektiven Möglichkeiten und tatsächlichen Entscheidungen (Selektivität) untersucht. Es wird eine "Fallstruktur" rekonstruiert. Die Methode ist sehr aufwendig und eher eine "Kunstlehre" für Forschung und Ausbildung ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P295](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-13)).
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### 4.2 Fallrekonstruktion (Haupert)
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Eine für die Praxis adaptierte Form, die Sequenzanalyse nutzt, um eine **Strukturhypothese** zu bilden. Sie untersucht die Abfolge von Öffnungs- und Schließungsprozessen im Leben der Klienten ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P295](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-13)).
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### 4.3 Narrativ-biografische Diagnostik (Fischer/Goblirsch)
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Analysiert die **gelebte, erzählte und erlebte Lebensgeschichte**. Ziel ist das Erkennen von generativen Orientierungsstrukturen. Sie wurde speziell für die stationäre Jugendhilfe entwickelt und sieht eine Arbeit im Fachteam vor ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P297](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)).
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### 4.4 Sozialpädagogisch-hermeneutische Diagnose (Uhlendorff)
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Fokussiert auf **Entwicklungsaufgaben**. Anhand von Interviews und einem Diagnosemanual wird ermittelt, welche altersspezifischen Aufgaben (Selbstentwürfe, Körperkonzepte etc.) problematisch sind. Ziel ist das Entwerfen passender pädagogischer Angebote ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P297](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)).
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### 4.5 Systemmodellierung (Sommerfeld et al.)
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Basiert auf der Synergetik und dem Konzept des **Lebensführungssystems**. Es visualisiert das Zusammenspiel von Individuum und sozialen Systemen. Es gibt eine idiografische (biografiebasierte) und eine deskriptive (gesprächsbasierte) Variante ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P297](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)).
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## 5. Reflexion des Prozessschrittes
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### 5.1 Methodenreflexion
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* **Professionsethik**: Alle Methoden erfüllen den Anspruch des Verstehens.
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* **Partizipation**: Rekonstruktive Methoden sind oft Expertenmethoden mit begrenztem Einbezug der Klienten während der Analyse. Theoriegeleitetes Fallverstehen sieht den Rückfluss in den Dialog explizit vor.
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* **Aufwand**: Rekonstruktive Methoden sind sehr zeitintensiv. Theoriegeleitetes Fallverstehen ist flexibler anwendbar.
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* **Empfehlung**: Theoriegeleitetes Fallverstehen als Standardmethode; rekonstruktive Methoden für besonders komplexe, "verfahrene" Fälle ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P297](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)).
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### 5.2 Evaluationsfragen
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Zur Überprüfung der Qualität des theoriegeleiteten Fallverstehens können Fragen gestellt werden wie: Wurden geeignete Theorien gewählt? Sind die Hypothesen schlüssig hergeleitet? Ist die Arbeitshypothese handlungsleitend? ([Hochuli Freund/Stotz 2021, P297](./chapter_10_diagnose.evidence.md#reference-14)).
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## Quellennachweis
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Die in diesem Artikel verwendeten Buchzitate wurden verifiziert und dokumentiert. Für detaillierte Quellenangaben mit exakten Textstellen siehe: [Evidenzdatei Diagnose](./chapter_10_diagnose.evidence.md)
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