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43 → Übernahme der Verantwortung für die Versorgung der Geschwister → Zeug*innen der Gewalt → Gewalt nach einer Trennung → Armut und soziale Benachteiligung
(nach Heynen 2000)
Die Folgen sind auch geschlechtsspezifisch (Heynen 2000). Mädchen, die sich in dieser Situation mit der Mutter identifizieren, sind eher gefährdet, später Gewalt in den eigenen Beziehungen zu dulden. Söhne, die sich in dieser Situation mit den Vätern identifizieren, sind eher gefährdet, später selbst Gewalt anzuwenden. Obwohl ein automatischer Gewaltkreislauf nicht angenommen werden kann, belegt die Forschung einen starken Zusammenhang zwischen den Kindheitserfahrungen und eigenem Gewalthandeln. Neben eigenen Gewalterfahrungen erleben die Mädchen und Jungen Inkonsistenz, Nichtvorhersagbarkeit und Nichtbeeinflussbarkeit der elterlichen Reaktionen als Erfahrung von Willkür und Kontrollverlust. Dieses Erleben gilt als eine mögliche Ursache für die Entstehung von Gewaltbereitschaft (Enzmann 2000). Wie gravierend diese Spuren sind, hängt auch von der Dramatik des Geschehens ab: Der zehnjährige Zeshan musste als Anderthalbjähriger zusehen, wie der Vater erst die Mutter und dann sich selbst erschoss. Erst sechsunddreißig Stunden später wurden er und die beiden Leichen von seinem Onkel entdeckt. Zeshan lebt heute in einer Einrichtung der Jugendhilfe. Sein intelligentes und charmantes Wesen öffnet ihm viele Herzen von Erwachsenen und auch von Gleichaltrigen. Doch manchmal ist er in Traurigkeit versunken. Gegenüber den anderen Jungen ist er oft aggressiv, hinterrücks und das mit langem Atem. Es bleibt die Hoffnung, dass es ihm mit Unterstützung der Pädagog*innen gelingt, seine Lebensgeschichte zu verstehen und die Welt und sich in dieser Welt positiver zu betrachten.
Welches Bild von Würde, körperlicher Integrität und Sicherheit können Kinder wie Zeshan entwickeln? Was braucht er, um die miterlebte massive Gewalt zu verarbeiten, um irgendwann vertrauen zu können? Oder geht er davon aus, dass Todesgefahr überall lauert?