274 Die traumatische Gegenreaktion Die Auswirkungen der in der Psychoanalyse als → Gegenübertragung bekannten Dynamik auf die Pädagog*innen werden im fachlichen Diskurs zu wenig beachtet. Es kann nicht übersehen werden, dass die Mädchen und Jungen Gefühle, zum Teil heftige Gefühle in den Pädagog*innen auslösen, die den Inhalten der Gegenübertragung ähnlich oder gleich sind. Forschungen hierüber stehen aus. Möglicherweise rührt das daher, dass einige Psychoanalytiker die Nutzung der Gegenübertragung als streng an die analytische Situation gebunden verstehen. Im therapeutischen Setting sind Gegenübertragungsgefühle „[…] alle Gefühle des Analytikers einem Patienten gegenüber […]“ (Heimann 1950, zit. n. Thomä/Kächele 1985, S. 86). Unterschiedliche Auffassungen von Gegenübertragung bewegen sich in einem Spannungsbogen: Während die ganzheitliche Auffassung von Gegenübertragung die Gesamtheit aller Reaktionen der Therapeut*in auf die Klient*in (Kernberg 1978; Heimann 1950) meint, begreift Greenson (1975) die Gegenübertragung ausschließlich als die Übertragung des Analytikers. Der Analytiker Karl König schlägt als Alternative zu Gegenübertragung den Begriff Gegenreaktion vor, da der Analytiker eben nicht nur auf die Übertragungen des Patienten reagiere (König 1993, S. 16). Diese erweiterte Definition scheint mir eher dem pädagogischen Kontext angemessen zu sein. Vor allem verweist König darauf, dass Gegenreaktionen sorgfältig ausgewertet werden müssen und sie keinen direkten Aufschluss über die Gefühle des Patienten geben (a. a. O., S. 33 ff.). Berücksichtigt werden muss, dass nicht alle Gefühle gegenüber Kindern und Jugendlichen Gegenreaktionen sind. Gefühle der Pädagog*innen im Arbeitsalltag können auch den Arbeits- oder eigenen Lebensbedingungen, den Kolleg*innen etc. gelten. Das Zusammenleben mit chronisch traumatisierten Kindern kann heftige Gegenreaktionen auslösen. Gerade im Kontakt mit störungswertig hoch dissoziativen Mädchen und Jungen erlebe ich dies in besonderem Ausmaß. Der wesentliche Unterschied zwischen positiver und traumatischer Gegenreaktionen sei die destruktive