266 Pädagog*innen selbst bzw. sie werden zumindest damit begründet. Wenn jedoch diese Begrenzung die einzige pädagogische Reaktion auf Aggression ist, wird die Möglichkeit der Kinder, ihre Gefühle abzureagieren, zu Gunsten von Kontrolle und pädagogischer Einengung aufgegeben, ein folgenschweres Verhalten: „Wenn […] im Beispiel einer therapeutischen Wohngruppe Betreuer*innen auf solche Aggressionen damit reagieren, von Betroffenen zu verlangen, primär diese Gefühle zu kontrollieren, führt dies dazu, dass Betroffene sich missverstanden fühlen und noch wütender werden.“ (Fegert 1995, S. 253). Der Teufelskreis Aggression – Kontrolle – sich unverstanden fühlen – Vertrauensverlust – Aggression – Kontrolle wird verstärkt. Aggression und Gewalt von Kindern und Jugendlichen können Aggression und Gewalt bei den Pädagog*innen – auch gegenüber den traumatisierten Mädchen und Jungen – erzeugen. Dies zeigt sich auch an dem Bedürfnis von Helfer*innen, ebenso mit Gewalt zu reagieren: „Und dann habe ich das Gefühl, ich muss Michael eine bomben.“ Dass aggressives Verhalten von Kindern und Jugendlichen bei Pädagog*innen störende – nämlich aggressive – Gefühle auslöst, bedeutet nicht, dass sie generell beruflich nicht kompetent sind. Es ist eher ein Indiz dafür, dass dieses aggressive Verhalten auf dem lebensgeschichtlichen Hintergrund der Kinder nicht zum Verstehen gebracht werden kann. Werden die aggressiven Gefühle der Pädagog*innen tabuisiert, weil sie dem pädagogischen Ethos widersprechen? Wehren professionelle Helfer*innen die negativen Gefühle ab, weil sie sich Aggression im Angesicht des Leides der traumatisierten Kinder nicht zugestehen oder weil sie sich selbst nie mit eigenen aggressiven Impulsen auseinandergesetzt haben? Wenn die Pädagog*innen aggressive Impulse in der Interaktion mit den Jugendlichen nicht verstehen, kann dies ihre Handlungsfähigkeit einschränken und die subjektiv erlebte Belastung bis hin zu einer dauerhaften Arbeitsunzufriedenheit oder -unfähigkeit bedeuten.