84 eine Rolle gespielt hatten. Janet prägte den Begriff ‚Unterbewusstsein‘ als Ansammlung von Erinnerungen, die die Interaktionen von Menschen beeinflussen (Janet 1904). Der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, begann hier seine Auseinandersetzung mit der Hysterie. 4.1 Freuds Entdeckung Ende des 19. Jahrhunderts stellte Sigmund Freud bei weiblichen Patientinnen schwerwiegende traumatische Ereignisse, oft sexuelle Übergriffe in der Familie und Misshandlungen fest. In seinem Bericht über achtzehn Fallstudien Zur Ätiologie der Hysterie schrieb er 1896: „Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von Hysterie befinden sich – durch die analytische Arbeit reproduzierbar, trotz des Dezennien umfassenden Zeitintervalls – ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören. Ich halte dies für eine wichtige Enthüllung, für die Auffindung eines caput nili der Neuropathologie.“ (Freud GW I, S. 439). Freud wurde damit konfrontiert, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder auch in geachteten bürgerlichen Familien, in denen er in Wien praktizierte, vorkam und eine Ursache der damals weit verbreiteten Hysterie war. Seine Entdeckung konnte in einer patriarchalen Gesellschaft keine Anerkennung finden. Freud hatte mit der Veröffentlichung über sexuelle Gewalt als Ursache von Hysterie damals die äußersten Grenzen gesellschaftlicher Glaubwürdigkeit überschritten. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum er in den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Freud 1904–1905, GW V) eine reale sexuelle Gewalterfahrung als Ursache psychischer Leiden verwarf und Konzepte wie die ödipale Theorie und die ‚Abwehrhysterie‘ entwarf: Die Frauen wünschten sich die sexuellen Begegnungen. Nicht die Abspaltung der nicht zu verarbeitenden Erinnerungen, wie Freud noch in seiner Schrift über die → Ätiologie der Hysterie feststellte, sondern die Verdrängung inakzeptabler Triebwünsche, die bedrohlich auf das Ich wirken und die Abwehr gegen das Bewusstwerden dieser Wünsche mobilisieren, sei der zentrale pathologische Prozess des Traumas; sexuelle