Hochuli Freund 31.7.17 S. 102 Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen wärtigen, sie zu reflektieren, sich der eigenen Vorannahmen, Einschätzungen und Sicherheiten und damit auch ihrer Begrenzungen bewusst zu werden (so, wie dies Elizabeth Bennet im Roman von Jane Austen getan hat, siehe 1.1). Dieses Innehalten, Distanznehmen und Nachdenken über die eigene Perspektive ist Voraussetzung dafür, dass sich diese Perspektive auch erweitern und verändern kann. Professionalität heisst des Weiteren, sich bewusst zu sein, dass der Klient seine eigene, subjektive Sichtweise hat und dass diese wichtig ist für die gemeinsame Arbeit. Wenn Sozialpädagogen ein echtes Interesse zeigen an der Sichtweise der Klientin, daran, welches Anliegen und welche Wünsche sie hat, wo sie welches Problem sieht und warum das wohl so ist – dann ermöglicht dies Vertrauen und den Aufbau einer Arbeitsbeziehung. So wird eine gemeinsame zielorientierte Arbeit möglich. Dabei kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Klientin ›die Wahrheit‹ sagt, sondern – und auch das musste Elizabeth in ›Pride and Prejudice‹ lernen – dass Klienten situations- und interessenbezogen bestimmte Dinge mitteilen und andere bewusst (zunächst) zurückhalten und dass sich ihre Sicht im Verlaufe eines Prozesses manchmal auch ändern kann. Wenn im Verlaufe einer Prozessgestaltung kontinuierlich nach der Sichtweise und Einschätzung von Klienten gefragt wird und wenn dies ernst genommen wird (siehe Kap. 3), dann erhöht sich die Chance, dass die professionelle Unterstützung tatsächlich hilfreich (›erfolgreich‹) ist. Professionalität bedeutet schliesslich, sich der Tatsache bewusst zu sein, dass viele Probleme von Klienten derart komplex sind, dass nur mehrere psychosoziale Professionen gemeinsam eine gute Unterstützung bieten und gewährleisten können. Auf Grund des Strukturmerkmals diffuser Allzuständigkeit ist die Soziale Arbeit ganz besonders verwiesen auf die Zusammenarbeit mit anderen Professionen und Berufsgruppen (siehe 2.1). Wahrscheinlich ist die Soziale Arbeit deshalb besonders geeignet, die Fallführung – das Case-Management (Neuffer 2013) – zu übernehmen und die verschiedenen Fäden bei der Unterstützung von Klientinnen zusammenzuführen. Dabei hat sie darauf zu achten, die Perspektive anderer Professionen und ihre fachlichen Einschätzungen einzuholen. Als Minimalvariante gilt es, eine additive interprofessionelle Kooperation zu gewährleisten, den Informationsfluss untereinander sicherzustellen und für Transparenz zu sorgen hinsichtlich der Tatsache, dass verschiedene Professionen in einem Fall tätig sind, dass es sowohl unterschiedliche fachliche Einschätzungen als auch verschiedene Interventionen gibt. Anzustreben jedoch ist eine integrative interprofessionelle Kooperation, bei der gemeinsam ein inhaltlicher Mehrwert erarbeitet wird: Die verschiedenen fachlichen Perspektiven werden nicht nur (transparent) nebeneinandergelegt, sondern in einem gemeinsamen Such- und Verständigungsprozess verändert, verwoben und weiterentwickelt – idealerweise in einer Art und Weise, dass am Ende gar nicht mehr klar ist, von wem jenes neue Argument oder jene Idee stammte, die den entscheidende Anstoss für die gemeinsame handlungsbezogene Ausrichtung der Unterstützung gab (siehe 2.2). Ein solcher gemeinsamer Prozess setzt im Übrigen voraus, dass die eigene Perspektive prägnant und verständlich dargelegt werden kann – auf eine Weise, dass andere Berufsgruppen und Professionen die Ausführungen nachvollziehen 102