Hochuli Freund 31.7.17 S. 138 Teil 2 Arbeitsfeldspezifische Konkretisierungen und Arbeitsmaterialien teren Prozess darum, Ziele zu formulieren. Ist jedoch deutlich, dass zunächst genauer verstanden werden muss, warum etwas so schwierig ist – z. B. bei grossen, aber für die Beteiligten nicht einschätzbaren Leistungsschwankungen und phasenweiser Erschöpfung –, dann gilt es, diese Fallthematik genauer zu erklären und zu verstehen. Bei einem solchen ›Verstehensbedarf‹ steht als nächstes der Prozessschritt Diagnose an. 2.3 Diagnose »Diagnosen sind differenzierte, wissens- oder methodengestützte Deutungen zu einem Fall bzw. einer Fallthematik und enthalten Hinweise für das weitere Vorgehen. Sie haben eine sozialökologische Ausrichtung, wollen die subjektive Sichtweise und Eigenlogik von Klienten entschlüsseln und enthalten Erklärungen für das, was problematisch ist in einem Fall. Diagnosen sind als Hypothesen zu verstehen, die im Verlaufe eines Unterstützungsprozesses überprüft und weiterentwickelt werden. Ziel einer Diagnose ist es, auf der Grundlage von Fallverstehen Hinweise für hilfreiche Interventionen zu generieren.« (Hochuli Freund/Stotz 2015:251) Mit ›Diagnose‹ ist hier nicht die klassifizierende medizinische Diagnose (z. B. nach ICD 10) gemeint, sondern eine ›soziale Diagnose‹: eine Diagnose, erstellt durch Professionelle der Sozialen Arbeit, welche insbesondere auch die sozialen Aspekte der Lebenssituation einer Klientin berücksichtigt. Eine soziale Diagnose hat den Charakter eine Hypothese, sie ist prozesshaft und wird im Verlaufe eines Unterstützungsprozesses immer wieder überprüft. Soziale Diagnosen haben keinen Selbstzweck, vielmehr bilden sie die Basis für ›gute‹ Interventionen. Als Leitmotiv gilt: »Erst verstehen, dann handeln« (in Anlehnung an Moor 1965). Denn nur, wenn Professionelle eine Vorstellung haben, warum etwas schwierig ist für eine Klientin, können sie die Unterstützung bzw. das gemeinsame Handeln angemessen konzipieren. Es gibt in der Sozialen Arbeit derzeit zwei Typen von Diagnose-Methoden: • Rekonstruktives Fallverstehen: Zu diesem Typus gehören unterschiedliche Methoden, die jeweils gekennzeichnet sind durch ein ganz spezifisches methodisches Vorgehen; oft werden auch theoretische Wissensbestände als Erklärungswissen beigezogen. Bei der narrativ-biografischen Diagnostik werden die in einem narrativen Interview generierten Selbsterzählungen strukturiert analysiert und interpretiert (u. a. Fischer/Goblirsch 2001). Mit der Methode der objektiven Hermeneutik werden Dokumente unterschiedlicher Art regelgeleitet analysiert, bis eine sog. Strukturhypothese erarbeitet ist (u. a. Kraimer 2000). Bei einer Konversationsanalyse wird die Interaktion zwischen Klient und Sozialarbeiterin rekonstruiert und interpretiert (z. B. Böhringer et al. 2012). Es handelt sich um wissenschaftliche Methoden, deren 138