Hochuli Freund 31.7.17 S. 91 Kooperation und Multiperspektivität zu einer anderen Einschätzung seiner moralischen Integrität. So wird ein mehrfaches Happy End möglich. Die Protagonistin hat erkannt, dass ›Wirklichkeit‹ je nach Perspektive etwas völlig anderes sein kann, dass die Schilderung einer Perspektive nicht ›wahr‹ sein muss und dass Beobachtungen stets interpretiert werden.2 Indem sie die Sichtweise des anderen zunehmend als durchaus auch schlüssige Konstruktion von Wirklichkeit anerkennen kann, eröffnen sich neue Handlungsmöglichkeiten. Hollars Zeichnung und Austens Roman mögen als Illustrationen dienen für eine der grundlegenden Strukturbedingungen professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit: für die Tatsache, dass Wirklichkeit stets subjektiv konstruiert wird und es ›die Wirklichkeit‹ nicht gibt (vgl. u. a. von Spiegel 2013:110f., 258; Galuske 2011:51). Professionelles Handeln impliziert deshalb, sich der eigenen Wirklichkeitskonstruktion bewusst zu sein und sie zu reflektieren – sowie anzuerkennen, dass Klienten, deren Bezugspersonen und auch alle anderen Fachpersonen ebenfalls in einer individuell geprägten, subjektiven Wirklichkeit leben. 1.2 Multiperspektivität als Fachbegriff der Sozialen Arbeit Den Begriff ›Multiperspektivität‹ hat Müller mit seinem 1993 erstmals publizierten Buch ›Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit‹ in den Fachdiskurs der Sozialen Arbeit eingeführt. Unter multiperspektivischem Vorgehen versteht Müller, dass sozialpädagogisches Handeln einen bewussten Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Bezugsrahmen erfordert, z. B. einem verfahrensrechtlichen, pädagogischen, medizinischen oder fiskalischen (vgl. Müller 2017:23). Sozialpädagogische und sozialarbeiterische Fälle sollten immer auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet und »aus mehreren praktisch standortgebundenen Perspektiven befragt werden« (ebd.:71). Fallarbeit erfordere prinzipiell die Erweiterung durch andere Sichtweisen und den Einbezug von unterschiedlichem theoretischem Wissen, das neue Perspektiven anregen könne (vgl. ebd.:175, 198f.). Multiperspektivität bedeutet in Müllers Konzept demnach die Nutzung unterschiedlicher Bezugsrahmen, verschiedener Wissensformen und Wissensbestände sowie den Einbezug der Sichtweisen unterschiedlicher Beteiligter. Müller selbst bezeichnet Multiperspektivität abschliessend als einen »Betrachtungsstandpunkt Sozialer Arbeit und eine entsprechende professionelle Haltung«, die er als »offen« charakterisiert, als »Fähigkeit zum Perspektivenwechsel zwischen unterschiedlichen Arten von Wissen« (ebd.:199). 2 Das heisst, man kann Tatsachen in der Rede auch verdrehen durch Weglassen entscheidender Aspekte und Erfinden von anderen (wie Mr. Wickham das getan hat). Mr. Darcys Beobachtungen sind nicht ›richtig‹ oder ›falsch‹: Darcys Interpretation von Jane Bennets Verhalten ist durchaus schlüssig, auch wenn sie von derjenigen ihrer Schwester Elizabeth abweicht. 91