Hochuli Freund 31.7.17 S. 139 KPG im Eingliederungsmanagement Einsatz eine spezifische Kompetenz erfordert. Bei besonders schwierigen Fällen kann es eine gute Möglichkeit darstellen, einem Wissenschaftlerinnenteam entsprechendes Datenmaterial zur Verfügung zu stellen und eine soziale Diagnose erarbeiten zu lassen. • Theoriegeleitetes/empiriegestütztes Fallverstehen: Hier werden Wissensbestände aus der eigenen oder aus Nachbarsdisziplinen – Theorien, Konzepte, empirische Studien – genutzt, um einen Fall genauer zu beleuchten und mögliche Erklärungen zu generieren. Die generelle Anforderung an professionelles Handeln, Theoriewissen und fallbezogenes Wissen sei zu verbinden (u. a. Dewe et al. 2011), wird in dieser Diagnosemethode methodisch konkretisiert. Es werden folgende Schritte unterschieden: – Wahl geeigneter Wissensbestände (ausgehend von der Fallthematik); – Relationierung Fall und Theorie: theoriegeleitete Fallüberlegungen; – Formulierung erklärender Hypothesen; – Fokussierung der Erkenntnisse in einer Arbeitshypothese bzw. Fragestellung (für eine genaue Darstellung siehe Hochuli Freund/Stotz 2015:222– 236). Die Hypothesen sind in den Verständigungsprozess mit einem Klienten einzubringen, sie dienen als Material für das kooperative Fallverstehen. Professionelle der Sozialen Arbeit sollten über die Kompetenz verfügen, mit dieser Diagnosemethode zu arbeiten. Der Beizug von soziologischen Theorien (z. B. Theorien zur Flexiblisierung und Prekarisierung der Arbeit10) von Studien zur Arbeitsmarktsituation und zur Bedeutung eines südosteuropäischen Migrationshintergrunds bei der Erwerbsintegration etc. erweitern den zumeist defizitorientierten Blick auf die Person des Klienten und können zu einer Entlastung führen. Die spezifischen Bewältigungsprobleme von Menschen können erhellt werden durch Wissensbestände aus Psychologie und Sozialer Arbeit.11 Ziel ist das gemeinsame Fallverstehen. Diagnostische Erkenntnisse mit den Klientinnen zu besprechen, sie gemeinsam zu ›validieren‹ oder zu verwerfen: Dies entspricht einer professionsethischen Grundhaltung, die das Gegenüber ernst nimmt, Expertenwissen zur Verfügung stellt und die von ihrer Struktur her asymmetrische Arbeitsbeziehung zu einer Beziehung auf Augenhöhe zu verändern sucht. Die fallspezifischen Erklärungen bilden eine gute Basis, um Überlegungen anzustellen, was in diesem spezifischen Fall erreicht werden soll (Prozessschritt Ziele) und wie dabei vorgegangen werden könnte (Prozessschritt Interventionsplanung). Jenseits von spezifischen Diagnosemethoden ist ein ›diagnostisches Fallverstehen‹ (Schrapper 2004) auch Ausdruck einer professionellen Grundhaltung. 10 Sennet 2000, Castel 2009 oder zum Labeling Approach zusammenfassend in Lamnek 1999. 11 Als Beispiel genannt sei der Lebensbewältigungsansatz von Böhnisch (u. a. Böhnisch 2016, 2008). Ein hilfreicher Wissensbestand ist auch der ethnopsychologische Ansatz von Erdheim, der Veränderung von jugendlichen Grössenphantasien durch die Konfrontation mit Realität über den Prozess der Arbeit thematisiert (Erdheim 2000, 1991). 139