sozialpädagogisch-hermeneutischen Diagnose scheint nach der Beurteilung im Überblick erfolgsversprechend. Die Methode selbst wirft Fragen auf. Sie enthält einerseits rekonstruktive Elemente, arbeitet anderseits mit einem klassifikatorischen System (Diagnosemanual). Das Manual wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts rekonstruktiv schlüssig erarbeitet; auf welche Weise aber damit Fall bezogen gearbeitet wird, bleibt unklar, beispielsweise nach welchen Kriterien die Daten aus den Interviews ausgewählt und im Manual zugeordnet werden, oder wie die anhand des Diagnosemanuals herausgearbeiteten Themen und Problemstellungen in eine sozialpädagogische Aufgabenstellung überführt werden. Im Gegensatz dazu wird bei der narrativ-biografischen Diagnostik – ähnlich wie bei der Strukturalen Hermeneutik und der Fallrekonstruktion – mit sozialwissenschaftlichen Methoden im Fachteam eine Diagnose erstellt. Auch wenn der Aufwand beträchtlich ist (mind. 50 Stunden im 3er Fachteam, vgl. Goblirsch et al. 2007:236), erweist sich diese Diagnostik als fundierte Methode im stationären Kontext der Jugendhilfe, bei der die Beteiligten aktiv in den Unterstützungsprozess mit einbezogen werden und Interventionsbezogene Folgerungen vorgesehen sind. Das Theoriegeleitete Fallverstehen unterscheidet sich ganz grundsätzlich in der Vorgehensweise von den rekonstruktiven Methoden. Es setzt ein relativ breites theoretisches Wissen in der Sozialen Arbeit wie auch in verschiedenen Nachbardisziplinen voraus, das – wie auch das methodische Wissen – in der Hochschulausbildung erworben werden kann. Es ist in allen Praxisfeldern anwendbar, erfüllt die Anforderung partizipativer Orientierung und gewährleistet, dass Interventionshinweise erarbeitet werden. Die Methode wird von Professionellen selbst angewendet und bedarf im Gegensatz zu den rekonstruktiven Methoden nicht der Unterstützung durch Wissenschaftlerinnen. Da sie zudem als idealtypische Methode anzusehen ist, die in einem Fall nicht immer mit der gleichen Intensität durchgeführt wird, kann der Aufwand insgesamt als angemessen betrachtet werden. Wir empfehlen auf Grund dieser Einschätzung, entweder die Methode des theoriegeleiteten Fallverstehens oder – im Kontext der stationären Jugendhilfe und bei entsprechenden Ressourcen – die narrativ-biografische Diagnostik in diesem Prozessschritt anzuwenden. In Fällen, die sehr komplex und verworren sind und in denen Professionelle nicht weiter kommen, kann es nützlich sein, mit Hilfe von Objektiver Hermeneutik oder Fallrekonstruktion in einen erweiterten Verstehensprozess zu treten, um mit Hilfe einer Strukturanalyse mögliche verdeckte Zusammenhänge zu ergründen und aufzudecken. 10.4.2 Evaluationsfragen Je nach Wahl der Diagnosemethode gestaltet sich die Reflexion unterschiedlich. Bei der Methode des theoriegeleiteten Fallverstehens können die Professionellen folgende Fragen zur Überprüfung der Qualität in diesem Prozessschritt stellen: • Sind geeignete Wissensbestände – Theorien oder Forschungsergebnisse – gewählt worden, die etwas zur Erhellung der Fallthematik beitragen konnten? Sind unterschiedliche Zugänge genutzt worden