Hochuli Freund 31.7.17 S. 55 Denken und Handeln 2014:47, 380). Jede Heuristik enthalte Such-, Stop- und Entscheidungsregeln (vgl. Gigerenzer et al. 2011:xix). In einer Übersicht bei Gigerenzer/Brighton (2011:16) sind insgesamt zehn Heuristiken zusammengestellt, die zur adaptiven Toolbox von Menschen gehören. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der Informationen, die verwendet werden. Wiedererkennungs- und Geläufigkeitsheuristiken (recognition heuristic, fluency heuristic) basieren auf Gedächtnisleistungen. Hier werden jene Informationen genutzt, die am schnellsten erinnert werden. Bei einem anderen Heuristik-Typus wird neben den am leichtesten erinnerten Informationen auch Wissen über die Wertigkeit von Informationen beigezogen (z. B. ›One-Reason-Decision-Making‹ oder ›Take-the-Best‹). Können weder Erinnerungen noch Wissen abgerufen werden, werden ›social heuristics‹ genutzt, d. h. es wird auf soziale Information rekurriert (z. T. ›das machen, was Freunde machen‹, ›imitate the successfull‹, ›imitate the mayority‹; vgl. ebd.:16, 21f., Gigerenzer 2014:380). Sich auf wenige Informationen zu konzentrieren, sei ein Ausdruck von Expertise, betont Gigerenzer (2014:47): »Experten suchen oft nach weniger Informationen als Neulinge und begnügen sich mit Heuristiken«.2 Auf welche Heuristiken Expertinnen eines bestimmten Fachs zurückgreifen, sei derzeit allerdings noch nicht erforscht. Gemäss dem Albert Einstein zugeschriebenen Motto »Es geht darum, alles so einfach wie möglich zu machen, aber nicht einfacher« (ebd.:117, 130), mit dem eine sinnvolle Reduktion von Komplexität postuliert wird, plädiert Gigerenzer für Vereinfachung v. a. in Situationen von grosser Ungewissheit, in denen es viele Handlungsalternativen gibt (vgl. ebd.:130). Er stellt folgende ›Sicherheitsregeln‹ auf: In einer stabilen und vorhersagbaren Welt, wenn es wenig Risikofaktoren sowie grosse Datenmengen gebe, seien komplexe Risikomodelle hilfreich. In einer instabilen, global vernetzten Welt hingegen – bei vielen Risikofaktoren und kleinen Datenmengen – brauche es einfache Faustregeln (vgl. ebd.:293). Vergleich mit KPG und Folgerungen Die Soziale Arbeit, die es zumeist mit komplexen Situationen von grosser Ungewissheit und einer Vielzahl von Handlungsalternativen zu tun hat, sollte sich gemäss Gigerenzer also a) auf die Suche nach einfachen Lösungen konzentrieren und b) dabei einfache Heuristiken – Faustregeln – verwenden. Das Postulat a) scheint auf den ersten Blick im Gegensatz zum Konzept KPG zu stehen und die eingangs erwähnte Kritik aus der Praxis aufzunehmen, ein Vorgehen gemäss KPG sei zu kompliziert und aufwändig. Bei Postulat b) hingegen lässt sich sehr gut eine Verbindung zum Konzept KPG herstellen. Weil es derzeit noch keine empirischen Hinweise gibt, welche Heuristiken sich für psychosoziale Professionen als besonders geeignet erwiesen haben, gehe ich davon 2 Oder an anderer Stelle, Forschungsergebnisse zusammenfassend: »experienced burglars and policemen follow the take-the-best heuristic, whereas inexperienced students in the laboratory apper to weight and add cues the ›rational‹ way«(Gigerenzer et al. 2011:xxii). 55