Diagnosen in der Sozialen Arbeit, so wie sie bisher beschrieben wurden, enthalten Deutungen, welche Professionelle stellvertretend für Klienten vornehmen, indem sie deren Situation unter Beizug von fachlichen Wissensbeständen zu erklären und deren subjektive Sicht der Wirklichkeit zu rekonstruieren und zu erhellen suchen. Es sind die Professionellen, welche als Expertinnen Erklärungen generieren, Beurteilungen und Deutungen vornehmen, also eine ›Expertinnen-Diagnose‹ erstellen. Demgegenüber bezeichnen Vertreter der sog. ›Aushandlungsrichtung‹ den gemeinsamen diskursiven Prozess mit Klienten als den Kern von Diagnose in der Sozialen Arbeit. Eine Kontroverse hierzu – die Kunstreich initiiert hat und die als Briefwechsel in der Zeitschrift Widersprüche 2003 dokumentiert ist – stand unter dem Titel ›Diagnose oder Dialog‹. Dabei wurde u. a. über den Stellenwert des diagnostischen Expertenwissens im Verhältnis zum dialogischen Aushandlungsprozess mit Klientinnen diskutiert. Neben Kunstreich ist es insbesondere Merchel, der auf die zentrale Bedeutung des dialogischen Aushandlungsprozesses in der Diagnose hinweist und auf die Gleichwertigkeit der Wissensbestände von Professionellen und von Klienten pocht (vgl. Merchel 1999a, 2003, Kunstreich et al. 2003, 2004). Um zu angemessenen Entscheidungen, um zu einer Problem und Klienten entsprechenden Leistung zu gelangen, sei einerseits eine hermeneutische Vorgehensweise des Fallverstehens in einer Gruppe von Professionellen nötig, so Merchel, andererseits die Mitwirkung von Klienten, weil die Wirksamkeit einer Hilfe von deren grundlegender Bereitschaft abhängt, sich auf eine Hilfe einzulassen, und dies nur dann erreicht werden kann, wenn sie ihre Überlegungen und Empfindungen einbringen können (vgl. 1999:78). Ein wesentlicher Bestandteil von Diagnose in der Sozialen Arbeit besteht darin, die auf Expertenwissen basierenden Deutungen in den Aushandlungsprozess einzubringen, sie »den Menschen zurückzugeben«, auf die sich diese stellvertretenden Deutungen beziehen: »Verstehen ist erst der Anfang, danach folgt die meist größere Anstrengung der Verständigung und Aushandlung. (…) In angemessener Weise erzählende Selbstdeutung herausfordern, stellvertretend Deutungen anzubieten und beides in dialogischen Prozessen zu tragfähigen Bildern für ein ›Sich-selbst-besserverstehen‹ aller Beteiligten zu verdichten, ist die Herausforderung« (Schrapper 2008:203). Wie oben erwähnt, gilt die partizipative Orientierung deshalb als Prinzip sozialer Diagnostik, der Verständigungsprozess von Professionellen mit Klientinnen ist als Qualitätsstandard festgeschrieben (siehe oben, ebenso Abb. 6, Kap. 7.4.1, vgl. Heiner 2013:29, Heiner/Schrapper 2004:213 f., Ursprung 2014:42 f.). Funktionen und Kategorisierungsmöglichkeiten Je nach Praxiskontext erfüllt soziale Diagnostik unterschiedliche Funktionen. Damit ist oft auch eine kürzere oder längere Dauer einer Abklärung, Beratung oder Unterstützung verbunden. Die nachfolgend aufgeführte Unterscheidung von Heiner (2013) ist inzwischen vielfach aufgegriffen worden und hat sich im Fachdiskurs etabliert (vgl. Buttner et al. 2018a:24):