In diesem Unterkapitel soll in exemplarischer Weise aufgezeigt werden, wie theoriegeleitetes Fallverstehen methodisch geleistet werden kann (für weitere Fallbeispiele siehe Eberhart 2017:264–266, Hauri 2017:223–227, Hochuli Freund/Sprenger 2018b:366–372, Sprenger-Ursprung 2017:114 f.). Zunächst werden die wichtigsten Informationen zum Fall aufgeführt sowie die Fallthematik, in der die wesentlichen Erkenntnisse aus der Analyse gebündelt sind, bestimmt. Es werden drei Theorien beigezogen und darauf basierende theoriegeleitete Fallüberlegungen vorgestellt; darin enthalten sind auch weitere Daten zum Fall. Am Ende jedes Zugangs sind erklärende Hypothesen zur Fallthematik festgehalten. Alle erklärenden Hypothesen wurden mit dem Klienten besprochen, anschließend konnten eine handlungsleitende Arbeitshypothese und eine Fragestellung gebildet werden, welche die Grundlage für Zielbestimmung und Interventionsplanung darstellen. Wichtigste Informationen zum Fall und Fallthematik Es handelt sich um einen 24-jährigen jungen Mann P ., der seit zwei Jahren in einer geschützten Wohneinrichtung für psychisch kranke Menschen lebt. Die Psychiatrische Diagnose lautet: Adoleszentenkrise mit schweren depressiven Verstimmungen. Schulpflicht erfüllt ist, zwei abgebrochene Berufsausbildungen, viele kurzzeitige Stellen, ging seit über zwei Jahren keiner Erwerbsarbeit mehr nach. Hoher Bier- und Cannabiskonsum in der Freizeit. Gemäß Beobachtungsjournal liegt P. fast den ganzen Tag im Bett, von den vereinbarten zwei Arbeitsstunden pro Tag in der institutionsinternen Küche halte er meistens maximal eine Stunde durch. Wiederholt finden sich Notizen, dass P. Kontakte mit den Mitbewohnern vermeide. In der Analyse wurde anhand eines Zeitstrahls gemeinsame mit P. einschneidende biographische Ereignisse und wichtige Themen herausgearbeitet: Verlust des Vaters mit 3 Jahren, psychische Krankheit der Mutter mit längerem Klinikaufenthalt, Aufenthalt in verschiedenen Pflegefamilien, verbunden mit der Selbstaussage, dass er sich in seiner Kindheit nirgends zuhause gefühlt habe und ihn alle doch nur wieder loshaben wollen, sozialer Rückzug sei für ihn immer wieder die beste Lösung (manchmal sogar die Rettung) gewesen. Sein Wunsch für die Zukunft ist es, allein in einer Wohnung leben zu können; auch auf wiederholte Nachfrage und Angebote hin äußert er keinerlei beruflichen Wünsche. Das Team arbeitete im Rahmen einer Analyse-Fallbesprechung heraus, dass die Zurückgezogenheit und Passivität von P. sowie die kaum vorhandenen sozialen Kontakte (auch nach außen) große Betroffenheit und Besorgnis auslösen, vor allem aber auch Ohnmacht und Ratlosigkeit, wie man ihn denn besser unterstützen könnte. Die Fallthematik lautet: Ein 24-jähriger Mann mit psychiatrischer Diagnose ›Adoleszentenkrise mit schweren depressiven Verstimmungen‹, seit zwei Jahren in der Wohneinrichtung