Hochuli Freund 31.7.17 S. 112 Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen • der in jüngster Vergangenheit geraucht und gestohlen hat und an Schlägereien beteiligt war, fast zeitgleich zu tiefgreifenden Vorkommnissen in der Familie (Krankheit, Scheidung, Fremdplatzierung); • dem seine Eltern und auch die Lehrperson generell wohlgesinnt sind, wobei die Eltern in erster Linie mit sich beschäftigt sind, die Lehrperson keinen Zusatzaufwand mehr leisten kann und will und die Schulsozialarbeiterin viele unausgesprochene Erwartungen wahrnimmt. 2.2 Erklärende Hypothese und handlungsleitende Arbeitshypothese in der Diagnose Der Prozessschritt der Diagnose ist eng mit dem Prozessschritt der Analyse verwoben. Am Ende der Analyse wird mit der Fallthematik festgehalten, was genau in der Diagnose besser erklärt und verstanden werden muss und/oder es wird bereits die Indikation für eine Intervention gestellt (vgl. Hochuli Freund/ Stotz 2015:181). In der Diagnose geht es also um Fallverstehen, es geht darum Erklärungsversuche anzustellen und die noch unklaren, erklärungsbedürftigen Aspekte der in der Analyse herauskristallisierten Fallthematik zu erhellen (vgl. ebd.:217). Ziel dieses Fallverstehens ist es, Bedingungen und Möglichkeiten von Entwicklung zusammenzufassen und damit eine Grundlage für die Handlungsphase zu schaffen. Daher hat eine Diagnose niemals nur einen Selbstzweck, sondern mündet schlussendlich immer in Ziele und Intervention (vgl. Hochuli Freund/Sprenger-Ursprung 2016:52). Eine Diagnose ist stets vorläufig, eine Momentaufnahme und Annäherung. In diesem Prozess des Fallverstehens sind Deutungsversuche zu einem Fall vorzunehmen und in Form von Hypothesen festzuhalten (vgl. ebd.:218). Im Konzept KPG unterscheiden sich die Hypothesen im Prozessschritt der Diagnose von denjenigen in der Analyse: Es ist nun von sog. erklärenden Hypothesen die Rede. Auch sie werden als methodisches Hilfsmittel zur Verdichtung von Erkenntnissen genutzt, um auf der Grundlage von Fallinformationen und Expertenwissen Erklärungen zu generieren (vgl. ebd.:225) War es bei den konstatierenden Hypothesen in der Analyse noch untersagt, Wirkungszusammenhänge anzusprechen, so geht es in der Diagnose genau darum: Elemente der Ausstattung, Bedingungen, Gegebenheiten und Vorkommnisse zueinander in Bezug zu stellen und Wissensbestände zu nutzen, um aktuell vorliegende Schwierigkeiten zu erklären und damit Ansatzpunkte zu deren Veränderung zu eruieren. Die erklärenden Hypothesen beziehen sich jeweils auf die Fallthematik und den darin festgehaltenen Erklärungsbedarf und sie beginnen sinnvollerweise stets mit ›weil‹. Wie in der Analyse werden auch in der Diagnose so viele Hypothesen wie nötig erarbeitet, bis die Fallthematik genügend erhellt ist. Um diesen Prozess der Erklärens- und Verstehensbemühungen methodisch zu strukturieren, haben die Autoren des Konzepts KPG die Methode des ›Theoriegeleiteten Fallverstehen‹ entwickelt. Hier werden unterschiedliche theoretische und/oder empirische 112