Hochuli Freund 31.7.17 S. 82 Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen dargelegten standardisierten Verfahren der Organisation könnte grösser kaum sein, und der Fallverlauf mit seinen immer kürzeren Abständen zwischen den Gewalt-Vorfällen überraschte nun auch die falleinbringende Studentin nicht mehr. Das differenzierte und konkret beschriebene diagnostische Vorgehen nach KPG hat in diesem – und in vielen weiteren Fällen – ethische Reflexionen beinhaltet und ausgelöst, die dazu beigetragen haben, willkürliche, subjektive oder (fälschlicherweise) pragmatische Handlungsentscheidungen als solche zu entlarven, unreflektiert standardisierte Verfahren der Fallbearbeitung als dysfunktional zu erkennen, eigene und organisationale ›blinde Flecken‹ aufzudecken, die Lebensrealität Betroffener aus deren Perspektive (ansatzweise) zu verstehen, die subjektive Sinnhaftigkeit gesellschaftlich problematischen Verhaltens zu erkennen und – auf Basis all dieser Erkenntnisse – ethisch reflektierte, prozessbezogene soziale Diagnosen zu erstellen, die tendenziell zum guten Leben der Betroffenen und aller Beteiligter beitrugen. Die Gliederung der diagnostischen Phase in vier Teilschritte, die Notwendigkeit der ethischen Reflexion der zu treffenden methodischen Entscheidungen in jedem der vier Schritte sowie das ganz konkret beschriebene Vorgehen zum Theoriegeleiteten Fallverstehen (Hochuli Freund/Stotz 2015:220ff.) leisten aber aus professionsethischer Sicht noch mehr: Der diagnostische Prozess wird zu einem deutlich höheren Grad als bisher begrifflich vermittelbar. Damit werden professionelle diagnostische Überlegungen und Entscheidungen bis zu einem gewissen Grad ›entzaubert‹ – ja, vielleicht wird die eine oder andere Überlegung sogar als profan entlarvt – aus ethischer Sicht ist dieser Effekt aber als grosser Schritt zur Legitimation professionellen Handelns im Sinn der Gleichwertigkeit aller Beteiligter zu verstehen. Soziale Diagnostik, die sich am Konzept und Modell KPG orientiert, hat also aus ethischer Sicht grosse Vorteile – sie verlangt den Professionellen der Sozialen Arbeit aber auch viel ab: Ein einfaches Abarbeiten von Routineabläufen verbietet sich, ein bequemes Verweisen auf die Vorgaben der Organisation ebenso. Die eigene Machtposition wird durch die Reflexions- und Begründungsverpflichtung jedes einzelnen diagnostischen Schrittes relativiert, und persönliche Grenzen werden offensichtlich. Jeden Fall neu denken, beurteilen und verstehen zu müssen ist unbequem, arbeitsaufwändig und sowohl kognitiv als auch emotional anforderungsreich. Die KPG entlastet die Professionellen der Sozialen Arbeit nicht von ihrer professionellen und moralischen Verantwortung, sondern fordert sie im Gegenteil dazu auf, diese Verantwortung in aller Konsequenz zu übernehmen. Natürlich bleibt ein oberflächliches Abarbeiten der Schritte immer möglich. Gerade bei Studierenden ist oft zu beobachten, dass das isoliert verwendete Prozessmodell als rezeptartige Handlungsanleitung missverstanden wird und keine vertiefte ethische und fachliche Reflexion des eigenen Handelns stattfindet. Ein solches Vorgehen kann aber nicht als Orientierung am Konzept KPG bezeichnet werden, denn es lässt die wesentlichen konzeptuellen Aspekte des Ansatzes ausser Acht. Von Professionellen der Sozialen Arbeit wird an dieser 82