Hochuli Freund 31.7.17 S. 52 Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen tuation, Problemstellung und Unterstützungsbedarf in einem Fall in angemessener Weise zu erfassen und zu verstehen und zugleich eine Arbeitsbeziehung mit den Klientinnen in diesem Fall aufzubauen (analytische Phase). Dies schafft eine Basis, um dann gemeinsam Ziele festzulegen, anschlussfähige Interventionen auszuloten und diese umzusetzen (Handlungsphase) – und unterwegs den Unterstützungsprozess immer wieder zu evaluieren. Es wäre naheliegend, die analytische Phase als die ›Phase des Denkens‹ zu bezeichnen, und der Begriff ›Handlungsphase‹ bringt bereits den Fokus auf das Handeln zum Ausdruck. Eine Dichotomisierung greift allerdings zu kurz. Auch der Prozess des gemeinsamen Erfassens, Analysierens und Verstehens beinhaltet schon Handlungen, und umgekehrt erfordert der Prozess des gemeinsamen Handelns auch Denkleistungen. Treffender ist es deshalb, die analytische Phase mit ›Denken und Handeln‹ zu kennzeichnen, und die Handlungsphase mit ›Handeln und Denken‹. Von Professionellen der Sozialen Arbeit wird im Konzept KPG also ein Denken im Voraus gefordert. Damit verbunden ist auch eine Planungsleistung, zunächst die Planung einer analytischen Phase sowie einer darauf aufbauenden Handlungsphase. Aus der Praxis allerdings gibt es einen grossen Einwand gegen ein solch strukturiert-vorausschauend-planendes Vorgehen, wie es das Konzept KPG vorsieht. Er ist weniger fachlich-inhaltlicher, sondern ökonomischer Art (z. B.: ›Dafür haben wir im Alltag nicht die nötige Zeit‹, ›Ein Vorgehen nach KPG ist viel zu aufwändig‹). Tatsächlich erfordert die Planung und Realisierung einer analytischen Phase wahrscheinlich zunächst einen höheren Zeitaufwand. Allerdings spricht einiges dafür, dass diese Zeit in der Handlungsphase wieder ›eingespart‹ wird, weil es nun eine gemeinsame Basis für gemeinsames Handeln gibt und die auf Verstehen basierenden, ziel- und ressourcenorientierten Interventionen auf die spezifische Situation ausgerichtet und für die Klienten anschlussfähig sind.1 Dennoch gilt es zu berücksichtigen, dass es für vorausschauendes Denken und Planen zwei Dinge braucht: V. a. eine fachliche Grundhaltung (»zunächst denken, dann handeln«, vgl. u. a. Hochuli Freund/Sprenger 2016:55), aber eben auch zeitliche Ressourcen. Es gibt auch einen Zugang zu professionellem Handeln, der dem vorausschauenden Denken und Planen einen deutlich geringeren Stellenwert zuweist. Gerd Gigerenzer, Psychologe und Risikoforscher, plädiert nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten (z. B. Gigerenzer/Hertwig/Patchur 2011), sondern auch in populärwissenschaftlichen Streitschriften (z. B. Gigerenzer 2007, 2014) vehement für ein auf intuitiver Intelligenz statt auf aufwändiger Risikoanalyse beruhendes Vorgehen. Wenngleich sich Gigerenzer v. a. auf Medizin und Finanzwesen bezieht, lohnt sich meines Erachtens eine Auseinandersetzung mit seinen Thesen in Hinblick auch auf die Soziale Arbeit für den Vergleich mit dem Konzept KPG. Gigerenzer grenzt sich immer wieder vehement vom Kognitionspsy1 In einem seit Anfang 2016 laufenden Forschungsprojekt ›Kooperative InstrumenteEntwicklung zur Förderung von Qualität und Effizienz in der Sozialen Arbeit‹ untersuchen wir gegenwärtig gemeinsam mit mehreren Praxisorganisationen u. a. diese Effizienz-Hypothese. 52