anders formuliert: eine interprofessionell abgestützte, gehaltvolle Arbeitshypothese. Gemeinsam werden Folgerungen für das weitere Vorgehen abgeleitet, danach arbeiten die einzelnen Professionen wieder einzeln am Fall weiter. Variante erfahrungsbasierten Fallverstehens In der Zusammenarbeit mit Organisationen der Sozialen Arbeit erwies sich der unterschiedliche bzw. weit zurückliegende Ausbildungshintergrund manchmal als Schwierigkeit, die Diagnosemethode ›Theoriegeleitetes Fallverstehen‹ zu nutzen, weil nicht alle sozialpädagogischen Teammitglieder über Theoriewissen verfügten. Um dennoch einen Prozess des Fallverstehens zu ermöglichen, haben wir eine niederschwellige Diagnosemethode entwickelt, die bei den impliziten Erklärungen der Fachpersonen ansetzt. Denn unbewusste ›schnelle‹ Einschätzungen und Erklärungen für Verhaltensweisen und Zusammenhänge prägen nicht nur das Alltagshandeln von Menschen (vgl. Kahneman 2011:19 f.), sondern sind auch bei Fachpersonen oft handlungsleitend. Ziel beim erfahrungsbasierten Fallverstehen ist es, solche Erklärungen zu explizieren, auszutauschen und damit diskutierbar und hinterfragbar zu machen (vgl. Hochuli Freund/Sprenger-Ursprung 2016:52). Eine methodische Möglichkeit im Rahmen einer diagnostischen Fallbesprechung nennen wir ›Böser Blick – freundlicher Blick‹ (vgl. Hochuli Freund 2017b:204). Die Teilnehmenden werden von der Moderation aufgefordert, bewusst eine sehr distanzierte Haltung einzunehmen und mit einem kalten, negativen Blick auf die Fokusperson (bzw. Gruppe) zu schauen. In einem Brainstorming werden nun alle Erklärungen für die Fallthematik zusammengetragen, wobei ein Teammitglied diese fortlaufend auf einem Flipchart als erklärende Hypothesen notiert (z. B. »Weil er einfach zu faul ist und lieber die anderen arbeiten lässt«). Anschließend regt die Moderation an, eine empathische Haltung und einen verständnisvollfreundlichen Blick einzunehmen. Auch aus dieser Perspektive werden ebenfalls alle möglichen Erklärungen zusammengetragen und notiert (z. B. »Weil er sich schämt, dass er das nicht gut kann, beteiligt er sich lieber gar nicht«). In einem nächsten Schritt werden alle erklärenden Hypothesen gemeinsam gesichtet und es wird diskutiert, welche davon eher zutreffen könnten und für die Weiterarbeit genutzt werden sollen. Hypothesen aus dem ›Bösen Blick‹ fördern manchmal Erklärungen zutage, die das Handeln der Fachkräfte bisher stark geprägt haben und nun hinterfragt werden können. Hypothesen aus der Perspektive des ›Freundlichen Blick‹ ermöglichen ein vertieftes Verständnis und eröffnen oft neue Handlungsmöglichkeiten. Oft entstammen diese Hypothesen implizitem theoretischem Wissen (vgl. Schön 1983:49 f.); sie können sehr gut als Übergang zu einem anschließenden vertieften theoriegeleiteten Fallverstehen dienen. 10.2.3 Beispiel theoriegeleiteten Fallverstehens