Schlussbemerkung Bedeutung für die Traumapädagogik Für Menschen mit traumatisierenden Lebenserfahrungen stellen existierende Hilfesysteme häufig eine zusätzliche Belastungserfahrung dar, da die Erwartungen und Zielformulierungen des Hilfesystems dem Anforderungsprofil der Betroffenen nicht ausreichend entsprechen und an ihren aktuellen Leistungs- und Erfüllungsmöglichkeiten vorbeigehen. Vygotskijs (1934/2002) Konzept der »Zone der nächsten Entwicklung« hilft dabei, die Planung pädagogischer Interventionen angemessen zu gestalten. Entwicklungsziele werden auch als erfüllbar definiert und bewahren Pädagog:innen wie auch Betroffene vor unnötigen Enttäuschungen, Überlastungs- oder Ohnmachtserfahrungen. Der »geschützte Dialog« (Kühn 2011b, S. 154f.; Kühn/Bialek 2017a, S. 61f.) sorgt in Ergänzung dafür, dass keine unrealistischen Zielformulierungen erfolgen und zu Überforderung und Überlastung bei Adressat:innen und beim Hilfesystem führen. Schlussbemerkung »Der Mensch wird zu dem Ich, dessen Du wir ihm sind« – dieses Zitat von Feuser (1998, S. 5) schließt sich wie eine Klammer um diesen Beitrag, denn in der pädagogischen Begegnung sind die entstehenden Prozesse maßgeblich auch von unserem eigenen ›Menschsein‹ geprägt. Für Menschen mit Behinderungen sind bis in die heutige Gegenwart verbale, emotionale, physische und sexualisierte Gewalterfahrungen alltägliche Realität. Das ›Du‹, das sie erleben, kann eine permanente Bedrohung ihrer Existenz darstellen. Oder wie lässt sich die Widersprüchlichkeit erklären und begründen, dass es in diesem Land möglich ist, gleichzeitig über Inklusion und Pränataldiagnostik reden und nachdenken zu können? Die Reduktion eines Menschen auf sein Defizit, seine Störung oder Auffälligkeit, egal ob es sich dabei um behinderungs- und/oder traumabedingte Ursachen handelt, entspricht einer zutiefst inhumanen Grundhaltung, die das Anderssein als Fremdes identifiziert, das es letztlich zu bekämpfen und zu vernichten gilt. Eine humanistisch-orientierte Pädagogik sieht sich mit einem aktuellen eugenischen Denken konfrontiert, das in direkter Tradition zur bürgerlichen und faschistischen Eugenik des 19./20. Jahrhunderts steht, sich aber heute als Hilfe und Heilungsangebot verkleidet. Dem gilt es entschieden entgegenzutreten, um für die Betroffenen strukturelle und zwischenmenschliche Gewaltverhältnisse zu beenden. In der Traumapädagogik finden sich eine Reihe von Erkenntnissen und Grundhaltungen wieder, wie sie die Materialistische Behindertenpädagogik in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, und das steht ihr gut, denn irgendwie sind wir alle ›anders‹ … 77