Hochuli Freund 31.7.17 S. 72 Teil 1 Konzeptionelle Grundlagen 1 Ethik, Moral und Professionalität Moral und Ethik sind heute in den Medien und in der öffentlichen Diskussion fast allgegenwärtig. Kaum eine öffentliche Debatte kommt ohne die beiden Begriffe aus. In sozialen Netzwerken wird die persönliche moralische Empörung kampfeslustig in eine oft überaus unmoralische – weil nicht ethisch reflektierte – Schlacht geführt (vgl. z. B. Grau 2013). Organisationen und Unternehmen, deren Organisationspraktiken dem moralischen Empfinden der Öffentlichkeit diametral widersprechen, brüsten sich mit ethischen Leitlinien oder Ethik-Gremien. Die allgegenwärtige Thematisierung verweist auf eine grosse Verunsicherung bezüglich ethisch-moralischer Orientierung, die sich auch in Fallbesprechungen der Sozialen Arbeit niederschlägt: • »Wie handle ich moralisch richtig?« • »Wie kann ich damit umgehen, wenn meine Organisation ethische Argumente nicht ernst nimmt?« • »Welchen Einfluss hat die (moralisch aufgeladene und durchaus wechselhafte) öffentliche Wahrnehmung der Sozialen Arbeit auf die Professionalität meines Handelns?« Viele dieser Fragen verweisen auf einen Zusammenhang zwischen der angestrebten professionellen Qualität von Handlungsvollzügen und der schwierigen Orientierung in einem heterogen und unübersichtlich gewordenen Feld ethischer und moralischer Erwartungen. 1.1 Ethik und Moral – begriffliche Präzisierung Eine fachliche Auseinandersetzung mit ethisch-moralischen Fragestellungen bedingt zuerst einmal Genauigkeit in der Verwendung von Begriffen. Nachdem ›Moral‹ und ›Ethik‹ bis hierher alltagssprachlich verwendet wurden, soll daher zunächst eine Differenzierung zwischen diesen beiden Begriffen erfolgen. Ethik und Moral sind dialektisch aufeinander bezogen und unterschiedliche Autorinnen und Autoren haben sich der Abgrenzung zwischen den Begriffen gewidmet (empfehlenswert: Schmid Noerr 2012:34-57), daher soll hier nur eine Zusammenfassung der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale erfolgen: Moral ist die gelebte Umsetzung gewachsener Normen und Werte hinsichtlich des Zusammenlebens in Gemeinschaften. Es geht darum, was – welches Verhalten – wir uns gegenseitig als Angehörige einer Gemeinschaft und als Menschen schulden. Moralisches Abwägen geschieht immer dann, wenn wir unser Handeln davon abhängig machen, welche Folgen dieses Handeln für davon betroffene Andere haben könnte. Die Kriterien dieses Abwägens bestehen oft informell als ungeschriebene Gesetze einer bestimmten Gemeinschaft und werden im Lauf der Sozialisation erlernt (vgl. ebd.:47). Was als moralisch richtiges Handeln angesehen wird, kann also von Familie zu Familie, in unter72