Hochuli Freund 31.7.17 S. 272 Teil 3 Fallarbeit mit KPG Fallbearbeitung, die Autonomie und die Ressourcen der Klientel zu achten und zu fördern. Eine erste Kernaufgabe der Sozialberatung ist die Unterstützung von Patienten und deren Angehörigen bei der Bewältigung von sozialen, wirtschaftlichen, rechtlichen und persönlichen Problemen. Die andere Kernaufgabe ist die Hilfe bei der Wiedereingliederung in das soziale und wirtschaftliche Leben, dies in Zusammenarbeit mit der Pflege, mit Medizinern und externen Hilfesystemen. Als Sozialarbeiterin des Spitals berate ich Patienten bei persönlichen Schwierigkeiten, die in Zusammenhang mit dem Spitalaufenthalt stehen, durch diesen zum Ausbruch kommen oder verschärft werden. Die Sozialberatung arbeitet nicht nach einem bestimmten Konzept oder festgelegten Methoden, der Weg zum Fallabschluss ist je nach Sozialarbeitenden unterschiedlich. Als neue Mitarbeiterin war diese individuelle Fallbearbeitung eine Herausforderung für mich, neben den oben genannten Rahmenbedingungen gibt es keinerlei Vorgaben. Mit zunehmender Arbeitserfahrung in der Sozialberatung begann ich, diese Freiheit zu schätzen – die Fallbearbeitung kann mit individuell erprobten Gesprächs- und Fallverlaufsmodellen gestaltet werden. Als Hintergrundwissen in der täglichen Arbeit dient mir beispielsweise das bio-psycho-soziale Paradigma von Engel (1977:129–136). Die drei Bereiche ›bio‹ (physiologische, neuronale Prozesse, Viren, Bakterien, Genetik), ›psycho‹ (Verhalten, Kognition, Einstellungen und Emotionen) und ›sozial‹ (sozioökonomischer Status, soziales Netzwerk, soziale Unterstützung) beeinflussen sich laut Engel gegenseitig und stehen dabei bei jedem einzelnen Menschen in einem Unoder Gleichgewicht (vgl. ebd.). Je nach Bewältigungsstrategien oder je nach sozialem Unterstützungssystem können beispielsweise Krankheiten im ›System Mensch‹ so aufgefangen werden, dass sie nicht zu einem Ungleichgewicht im System führen. Mit diesem Paradigma können Ressourcen und Schwierigkeiten eines Menschen in Zusammenhang gebracht werden und so weitere Richtungen der Fallbearbeitung aufzeigen. Für die vorliegende Fallbearbeitung nutze ich ausserdem das Konzept Kooperative Prozessgestaltung (KPG; Hochuli Freund/ Stotz 2015). Neben dem relativ freien Vorgehen in der Fallbearbeitung stellt die Organisation jedoch Gefässe zur Verfügung, die zu einem vertieften Fallverstehen führen und den eigenen fachlichen Horizont erweitern können: tägliche kurze Sitzung im Team sowie die interprofessionellen Fallbesprechungen in der PSOMA-Klinik, jeweils kurz nach Eintritt des Patienten, die bei komplexen Fällen häufiger stattfinden. Ebenfalls wichtig ist der informelle Austausch mit einzelnen Professionellen, die auch am Fallgeschehen beteiligt sind. Im ausgewählten Fall handelt es sich um die aktuelle Lebenssituation von Frau G. Als Professionsauftrag in der freiwilligen Sozialberatung sehe ich die Autonomieförderung und Ressourcenaktivierung der Klientel. Der Organisationsauftrag an eine Sozialarbeiterin in der psychosomatischen Klinik kann als die Reintegration von psychisch erkrankten Menschen in das gesellschaftliche Leben mit den Bereichen Sozialleben, Arbeit und Gesundheit definiert werden (vgl. AvenirSocial 2010:6). Die klientenbezogenen Aufträge (vgl. Hochuli Freund/Stotz 2015:152) beziehen sich meist auf die Vorbereitung eines gelingenden, möglichst autonomen Alltags nach dem Aufenthalt in der PSOMA-Klinik. 272