Hochuli Freund 31.7.17 S. 63 Denken und Handeln Ungewissheit, Instabilität, Einzigartigkeit und Wertekonflikten gute Lösungen zu finden – auch wenn sie selber diesen Zugang kaum beschreiben können. Die alltägliche Berufspraxis eines Praktikers beruhe auf implizitem Wissen, so Schön, den Begriff ›tacit knowledge‹ von Polanyi 1967 übernehmend. »In his day-to-day practice he makes innumerable judgements of quality for which he cannot state adequate criteria, and he displays skills for which he cannot state the rules and procedures. Even when he makes conscious use of research-based theories and techniques, he is dependent on tacit recognitions, judgments, and skillfull performances.« (Ebd.:49f.) Dieses Vorgehen bezeichnet Schön als ›reflection-in-action‹, als ›Nachdenken im Tun‹. Es ist der Angelpunkt, das Zentrum seiner Praxis-Epistemologie. 4.1 Struktur von ›reflection-in-action‹ Professionsübergreifend zeigte sich die folgende Struktur bei diesem ›Nachdenken im Tun‹: • Problembestimmung: Eine Praktikerin wird mit einem Problem bzw. einer schwierigen Situation konfrontiert. Die Situation wird genau betrachtet, aus dem (Daten-)Material heraus wird das Problem neu formuliert (bzw. konstruiert) und neu gerahmt: »Problem setting is a process in which, interactively, we name the things to which we will attend and frame the context in which we will attend to them« (ebd.:40, Hervorhebung im Original). • Untersuchung: In einem experimentierenden Zugang erforscht die Praktikerin nun dieses Problem. Sie folgt den Möglichkeiten und Implikationen, die sich aus dem gewählten Rahmen ergeben, entwirft und testet fortlaufend Hypothesen, und ist zugleich offen für unerwartete Nebeneffekte (die auf andere Möglichkeiten verweisen): »Their hypothesis-testing-experiment is a game with the situation. They seek to make the situation conform to their hypothesis but remain open to the possibility that it will not« (ebd.:150). Diesen Prozess forschenden, experimentierenden Untersuchens bezeichnet Schön auch als Reflexionsgespräch mit einer Situation: »The situation talks back, the practitioner listens, and as he appreciates what he hears, he reframes the situation once again« (ebd.:131f.). • Problemlösungsvorschläge: Fallverstehen und Problemlösung sind nach Schön ineinander verwoben. »The unique and uncertain situation comes to be understood through the attempt to change it, and changed through the attempt to understand it« (ebd.:132). Der Untersuchungsprozess dauert so lange, bis ein kohärentes Bild entstanden ist, das auch eine Lösung enthält. Die Lösungsfindung begrenzt und beendet das Untersuchungsexperiment. Eine erfahrene Praktikerin nutzt bei dieser ›reflection-in-action‹ unterschiedliche Arten von Wissen. Um ein Gefühl für eine neue Fallsituation und eine erste Orientierung zu bekommen, sucht sie zunächst in ihrem Repertoire an Beispielen, Bildern, Be63