# 05 Kooperation Kapitel 5 behandelt Kooperation als tragendes Prinzip professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit auf zwei Ebenen: die Arbeitsbeziehung mit Klientinnen und die Zusammenarbeit auf der Fachebene mit Kolleginnen und anderen Professionen. **Seiten:** 90–121 **Zeilen im Quelldokument:** 716–952 ## Koproduktion als Grundprinzip Professionelle der Sozialen Arbeit stellen keine Produkte her – sie handeln: Sie unterstützen bei der Lebensbewältigung, ermöglichen Bildungsprozesse und fördern soziale Integration ([S. 90, Z. 718](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-1)). Da an jeder personenbezogenen Dienstleistung stets Professionelle und Klientinnen gleichzeitig beteiligt sind, kann diese nur in einem gemeinsamen dialogischen Verständigungsprozess erbracht werden ([S. 90, Z. 718](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-13)). Die Koproduktion ist damit ein Strukturmerkmal professionellen Handelns. Das Kapitel arbeitet zunächst heraus, wie die Arbeitsbeziehung theoretisch konzipiert wird, und geht dann auf die Kooperation auf der Fachebene ein. ## Arbeitsbeziehung mit Klientinnen Dass die Beziehung zwischen Sozialpädagoge und Klientin eine zentrale Voraussetzung für professionelles Handeln darstellt, gilt in der Sozialen Arbeit als weitgehend unbestritten. Allerdings wird diese Grundannahme in der Fachliteratur insgesamt wenig elaboriert. Schäfter (2010) definiert die professionelle Beziehung als Basis und Mittel der Zusammenarbeit; auf Ausführungen zur konkreten Gestaltung einer solchen Arbeitsbeziehung werde jedoch weitgehend verzichtet. Gahleitner (2017) hat ein empirisch fundiertes Konzept zur Beziehungsgestaltung vorgelegt. Insbesondere in Praxisfeldern, in denen Professionelle über längere Zeit Klientinnen begleiten, kommt der beruflichen Beziehungsarbeit eine besondere Bedeutung zu. Heiner (2010) konstatiert, das Wesen und die Qualität der Beziehung erscheine so individuell und situationsabhängig, dass Beziehungsarbeit oft als nicht planbares Element gesehen werde – sie betont jedoch, es ließen sich durchaus charakteristische Merkmale benennen. ### Rahmenbedingungen Die Kontextbedingungen der Sozialen Arbeit prägen die Möglichkeiten der Ausgestaltung der Arbeitsbeziehung maßgeblich ([S. 91, Z. 734](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-2)). Die Praxisfelder unterscheiden sich stark hinsichtlich Freiwilligkeit, Dauer und Verbindlichkeit – von der stationären Kinder- und Jugendhilfe mit genereller Alltagszuständigkeit über Einrichtungen des Straf- und Justizvollzugs mit unfreiwilligem Aufenthalt bis zur zeitlich begrenzten sozialarbeiterischen Beratung. Ein gemeinsames Merkmal fast aller Praxisfelder ist die spezifische Art des Zustandekommens: Hilfesuchende wenden sich an eine Organisation oder werden dorthin eingewiesen, und dort wird ihnen eine Fachperson zugeteilt. In der Regel wählen weder Klienten noch Professionelle einander aus ([S. 92, Z. 742](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-14)). Der Organisationsauftrag bildet den Rahmen der Arbeitsbeziehung; innerhalb der institutionellen Vorgaben haben Professionelle jedoch einen großen Spielraum. Insbesondere in Zwangskontexten müssen Motivation und Kooperationswille zunächst erarbeitet werden. ### Aufgabenorientierung und Asymmetrie Die Arbeitsbeziehung ist stets auf eine spezifische Aufgabe ausgerichtet: Sie verfolgt keinen Selbstzweck, sondern dient als Mittel zur Erreichung eines Unterstützungszieles ([S. 93, Z. 746](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-15)). Diese Aufgabenorientierung impliziert eine strukturelle Asymmetrie, da die Professionelle als Repräsentantin einer Organisation und aufgrund ihrer Kompetenz über mehr Macht verfügt als die hilfesuchende Klientin. Sie kann Ansprüche unterstützen oder verweigern und hat neben dem Hilfe- auch einen Kontrollauftrag. Innerhalb dieser asymmetrischen Struktur geht es jedoch um kommunikative Verständigung. Heiner postuliert, dass Verständigungsorientierung und strategische Aufgabenorientierung ausbalanciert sein müssen. Lotz weist darauf hin, dass im Begriff Beziehungsarbeit zwei Rationalitätstypen erkennbar sind: Arbeit als zielbezogene, steuerbare Tätigkeit einerseits, Beziehung als offener Verständigungsprozess andererseits. ### Begrenzungen Professionelle Arbeitsbeziehungen sind zeitlich befristet und durch ökonomische wie intentionale Grenzen institutionalisierter Hilfen gekennzeichnet. Die Organisation garantiert zwar kontinuierliche Begleitung, nicht aber die Kontinuität der Beziehung zu bestimmten Mitarbeitenden. Professionelle Hilfe soll – von Ausnahmen dauerhaften Unterstützungsbedarfs abgesehen – dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe verpflichtet sein und allmählich überflüssig werden. ## Pädagogische Beziehungskonzepte Die Sozialpädagogik befasste sich historisch insbesondere mit den Entwicklungsproblemen junger Menschen und konzipierte die professionelle Beziehung als Verhältnis zwischen Erziehenden und zu Erziehenden ([S. 94, Z. 756](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-3)). Nohl entwickelte den ›Pädagogischen Bezug‹ als leidenschaftliches, wechselseitiges Verhältnis zwischen reifem Erwachsenen und werdendem Kind. Ausgangspunkt ist die Subjektivität des Kindes – seine gegenwärtige Bedürftigkeit und seine zukünftigen Möglichkeiten. Die Beziehung ist geprägt von Nähe und Distanz zugleich und auf Auflösung hin angelegt: Ziel ist, sich als Pädagoge überflüssig zu machen. Giesecke revidierte Nohls Konzept grundlegend und entwickelte eine Theorie öffentlicher pädagogischer Beziehungen. Er betont den Charakter einer bezahlten Tätigkeit im öffentlichen Auftrag: zeitliche Begrenzung auf die Arbeitszeit, spezifischer (nicht ganzheitlicher) Zweck, Distanz statt Identifikation. Die Beziehung ist asymmetrisch konzipiert; der Pädagoge definiert deren Art und Weise. Pädagogische Beziehungskonzepte tragen stets der Tatsache Rechnung, dass Erwachsene gegenüber Kindern einen Erziehungsauftrag haben und sich dadurch von allen anderen Beziehungskonzepten unterscheiden ([S. 97, Z. 772](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-4)). ## Psychoanalytische Beziehungskonzepte Die psychoanalytische Theorie Freuds wurde seit den 1920er Jahren in der Sozialen Arbeit rezipiert, zunächst durch Aichhorn und Bernfeld im Feld der Pädagogik, später durch die sozialarbeiterisch-psychoanalytische Traditionslinie der Einzelfallhilfe. Zentrale Konzepte sind Übertragung – die Tendenz, verinnerlichte Beziehungsmuster in aktuellen Interaktionen zu wiederholen – und Gegenübertragung als emotionale Reaktion der Professionellen darauf. Während Aichhorn die positive Übertragungsbeziehung als Mittel zur Einflussnahme sah, betonte Bernfeld die Grenzen erzieherischer Einflussnahme: Diese lägen im Pädagogen selbst, der mit eigenen unbewussten Reaktionen auf Übertragungen des Kindes reagiere. Psychoanalytisches Wissen wurde in der Sozialen Arbeit vor allem für die Diagnose der Problematik eines Klienten sowie zur Reflexion der Übertragungs-Gegenübertragungsbeziehung genutzt ([S. 99, Z. 788](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-16)). ## Arbeitsbündnis-Modell von Oevermann Oevermann konzipierte ein Arbeitsbündnismodell analog dem psychoanalytischen Arzt-Patient-Verhältnis, in dem stellvertretende Krisenbewältigung die Kernaufgabe bildet ([S. 100, Z. 792](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-5)). Konstitutiv sind der Leidensdruck und die freiwillige Entscheidung des Patienten. Jedes Arbeitsbündnis ist gekennzeichnet durch die widersprüchliche Einheit spezifischer und diffuser Beziehungskomponenten: Professionelle binden sich als ganze Personen in einer diffusen Sozialbeziehung, bleiben aber in der spezifischen Rolle von Vertragspartnern. Für Klienten gelte die Grundregel ›sei diffus‹, also alles zu thematisieren, für den Sozialarbeiter hingegen ›sei spezifisch‹, sich an die Rollenvorgaben zu halten (Abstinenzregel). Kritisiert wird insbesondere die Betonung der Freiwilligkeit als Voraussetzung, die in vielen Praxisfeldern nicht gegeben ist, sowie die kontextunabhängige, statische Formulierung des Modells. ## Weitere Konzepte der Arbeitsbeziehung Ruth Bang beschrieb bereits in den 1960er Jahren die helfende Beziehung als methodisches Hilfsmittel und unterschied vier Phasen des Hilfeprozesses. In der ersten Phase ist das Arbeitsklima geprägt von widersprüchlichen Gefühlen der Beteiligten; die Aufgabe der Professionellen besteht darin, ein ›emotionelles Angebot‹ zu machen ([S. 103, Z. 808](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-6)). Dieses Angebot umfasst Wohlwollen, Wärme und Interesse und stützt sich auf die latente Beziehungsbereitschaft des Klienten. Es gibt dafür keine Techniken – erforderlich sind eine akzeptierende Grundeinstellung und diagnostische Vorarbeit. Müller und Dörr haben herausgearbeitet, dass sich Professionalität durch eine kunstvolle Verschränkung von Nähe und Distanz zu Adressaten und deren Problemen auszeichnet ([S. 106, Z. 814](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-17)). Die Bewältigung dieser Anforderung ist nur unter Akzeptanz nicht hintergehbarer Ungewissheit möglich. Müller sieht die Fähigkeit zur Gegenübertragungskontrolle – als Kompetenz zu qualifizierter Selbstkritik in der Expertenrolle – als unabdingbar für jede professionelle Praxis. Heiner entwickelte das Modell der ›beziehungsfundierten Passung‹: Beziehungsorientierung und Autonomieorientierung bilden die Eckpfeiler für eine gelingende Passung von Problemlage und Problembearbeitungsmöglichkeiten ([S. 107, Z. 828](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-18)). Sie betont ein exploratives, tentatives Vorgehen, das durch behutsame Annäherung und bewusste Zurückhaltung Vertrauen gewinnt und zugleich Autonomie fördert. Professionelle müssen eine Balance finden zwischen Personen- und Zielorientierung, Symmetrie und Asymmetrie, Einflussnahme und Zurückhaltung. Schäfter hat ein Konzept der Beziehungsgestaltung als Querschnittsaufgabe entwickelt und vier Arbeitsprinzipien formuliert: reflexive kontextbezogene Zuwendung, selektive persönliche Öffnung, Ressourcenorientierung und Kompetenzpräsentation ([S. 108, Z. 832](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-7)). Diese Prinzipien sollen wechselseitiges Vertrauen, Verständnis, Wertschätzung und gemeinsame Hoffnung bewirken. Interessant ist, dass Fachkräfte nicht wahrnehmen konnten, welches Wissen und Können sie einbringen, während Klientinnen die Kompetenzen leicht benennen konnten. Eigene Evaluationsstudien der Autorinnen bestätigen diese Befunde: Von Klienten als hilfreich erlebt werden echtes Interesse, Wertschätzung der Person, Ressourcenorientierung, Zuhören und einfühlendes Bemühen um Verständnis. Auch zeigte sich, dass fehlende Freiwilligkeit höchstens anfänglich von Bedeutung war und nicht die zeitlichen Ressourcen, sondern die Präsenz des Sozialarbeiters während der zur Verfügung stehenden Zeit entscheidend ist. ## Professionelle Beziehungsgestaltung nach Gahleitner Gahleitner hat unter dem Titel ›Soziale Arbeit als Beziehungsprofession‹ ein forschungsbasiertes Prozessmodell entwickelt. Im Kern steht das Erleben aufrichtiger, persönlich geprägter menschlicher Begegnungen als Alternativerfahrung zur bisherigen Beziehungsverunsicherung ([S. 113, Z. 860](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-8)). Gerade ›hard-to-reach‹-Klientinnen bedürften eines tragfähigen Beziehungsangebots, das als Lotsin durch den Hilfeprozess dient. Das Prozessmodell umfasst fünf Schritte: beziehungsorientiertes Verstehen, neue Beziehungserfahrungen als ›schützende Inselerfahrung‹ ermöglichen, Chancen zu persönlichen Veränderungsprozessen öffnen, ein vertrauensvolles professionelles Umgebungsmilieu schaffen und eine tragfähige, zukunftsstabile Basis für das spätere Leben aufbauen. Die dyadische Beziehung dient als Türöffner für Veränderungen im gesamten Netzwerkgefüge. Beziehungs- und Netzwerkarbeit prägen die Qualität des gesamten Unterstützungsprozesses. Voraussetzung ist ein professionelles Selbstverständnis, das theoretisches Wissen als Basis für ›strukturierte Intuition‹ nutzt und das Prinzip ›strukturierter Offenheit‹ berücksichtigt. ## Kooperation auf der Fachebene Neben der Arbeitsbeziehung mit Klientinnen umfasst professionelles Handeln die Zusammenarbeit mit Fachkolleginnen und anderen Professionen. Teamarbeit – als formell institutionalisierte Gruppe mit gemeinsam geteilten Zielen und gegenseitiger Rechenschaftspflicht – ist ein zentrales Gefäß dafür ([S. 114, Z. 878](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-9)). Je nach Arbeitsform koagieren oder interagieren Teammitglieder, was unterschiedliche Koordinationsbedarfe erzeugt. Sozialpädagoginnen benötigen spezifische soziale Kompetenzen: kommunikative Fähigkeiten, Kritik- und Konfliktfähigkeit sowie Teamfähigkeit ([S. 116, Z. 892](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-10)). Förderlich sind gemäß des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeitspsychologie emotionale Stabilität, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit und Empathie. ## Interprofessionelle Kooperation Da der Sozialen Arbeit ein Tätigkeitsmonopol fehlt, ist sie auf Zusammenarbeit mit anderen Professionen angewiesen. Der Aufgabenschwerpunkt der Sozialen Arbeit ist weniger klar beschreibbar als bei anderen Professionen, was die interprofessionelle Kooperation wesentlich beeinflusst ([S. 117, Z. 900](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-19)). Oft befinden sich Professionelle in der unterlegenen Position; die Klärung der Aufgabenstellung und Arbeitsteilung zwischen Professionen ist eine zentrale Herausforderung. Drei Kooperationsformen lassen sich unterscheiden: asymmetrisch-komplementär (klare Aufgabenteilung), additiv (informiertes Nebeneinander) und integrativ bzw. transprofessionell (gemeinsame Fallbesprechung mit dem größten Mehrwert). Von Sozialpädagoginnen wird erwartet, sich in allen Konstellationen angemessen einzubringen und ihre fachliche Position zu vertreten ([S. 119, Z. 921](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-11)). Die Soziale Arbeit kann dabei Prozesse der fallbezogenen Zusammenarbeit initiieren und koordinieren (Case-Management). ## Zentrale Erkenntnisse Ein Kennzeichen der Arbeitsbeziehung ist die widersprüchliche Einheit einer spezifischen und diffusen Sozialbeziehung: Professionelle handeln in einer rollenförmigen Beziehung, in der sie austauschbar sind, und zugleich als unverwechselbare Person in einer diffusen Beziehung ([S. 120, Z. 937](./chapter_05_kooperation.evidence.md#reference-12)). Es gibt keine Techniken zur Herstellung einer Arbeitsbeziehung – entscheidend ist eine akzeptierende, wertschätzende Grundhaltung, verbunden mit professioneller Selbstreflexion und institutionalisierter Supervision. Die doppelte Verortung – Vertretung des institutionellen Auftrags und Eingehen auf die Person als Ganzes – macht die Arbeitsbeziehung in der Sozialen Arbeit zu einem permanenten Balanceakt. Theoretische Modelle von Oevermann, Müller, Heiner und Gahleitner liefern unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven auf diese Spannung. Zur Realisierung des Auftrags der Sozialen Arbeit ist intra- und interprofessionelle Kooperation unabdingbar; Professionelle übernehmen dabei häufig die Koordination interprofessioneller Prozesse und sind herausgefordert, ihre Kompetenz und den professionsspezifischen Standpunkt in den Fachdiskurs einzubringen.