Hochuli Freund 31.7.17 S. 57 Denken und Handeln Die einfache Faustregel ›Worum genau geht es hier und wie erkläre ich es mir? Was ist mein Ziel, was will ich erreichen?‹ organisiert das Denken in der angespannten Situation. Der Praktiker folgt dabei in Sekundenschnelle den ersten Schritten des Prozessgestaltungsmodells: Situation und Verhalten erfassen (Situationserfassung) – beurteilen, einordnen, die erste auftauchende Erklärung beiziehen (Analyse & Diagnose) – Ziel bestimmen – Intervention. In der kritischen Handlungssituation reduziert er die Komplexität auf einen wichtigen Aspekt und lässt alle anderen möglichen aussen vor. In der Logik des Denkens besteht kein grundlegender Unterschied gegenüber dem strukturiert-planenden Vorgehen. Lediglich das Tempo ist grösser, der Umgang mit Komplexität ist weniger differenziert. In der nachträglichen Reflexion – entlastet vom Handlungsdruck – können alle weiteren möglichen Aspekte (worum es noch gegangen sein könnte, welches weitere Einflussfaktoren waren, welche anderen Erklärungen möglich gewesen wären) einbezogen werden. Die Forderung nach möglichst einfachen Lösungen ist meines Erachtens also angebracht für kritische Situationen mit grossem Handlungsdruck. Ansonsten aber gilt der professionelle Standard einer differenzierten, analytisch-diagnostischen Phase als Basis für fallangemessenes Handeln. Aber auch hier finden sich Gemeinsamkeiten zu Gigerenzers Postulaten, denn bei diesem KPG-basierten vorausschauendplanenden Vorgehen gilt: Komplexitätsreduktion ist immer nötig, in fast allen Phasen des Prozessmodells. Allerdings soll sie bewusst erfolgen, begründbar und nachvollziehbar sein. Erkenntnisse haben stets Hypothesencharakter (im Gegensatz zur ›Gewissheitsillusion‹ der von Gigerenzer kritisierten Risikomodelle). Ein KPG-Grundsatz lautet ›so einfach wie möglich, so umfassend wie nötig‹– und vielleicht sollte tatsächlich der erste Teil des Mottos noch stärker betont werden. 3 Die Anstrengungen ›langsamen Denkens‹ auf sich nehmen (Kahneman) Daniel Kahneman, ein israelisch-amerikaner Kognitionspsychologe, erhielt 2002 den Wirtschafts-Nobelpreis für die sog. Prospect Theory (Neue Erwartungstheorie), die er gemeinsam mit seinem früh verstorbenen Kollegen Amos Tversky entwickelt hatte. Während die wirtschaftswissenschaftliche Theoriebildung davor vom Bild eines rationalen Menschen ausgegangen war, der seine Entscheidungen auf der Grundlage von Informationen so trifft, dass Kosten minimiert und persönliche Nutzen maximiert werden, berücksichtigt die Prospect Theory darüber hinaus auch psychologische Verhaltensaspekte und kognitive Verzerrungen. Die Theorie will Beschreibungen zur Entscheidungsfindung in Situationen von Unsicherheit und risikobehafteter Ungewissheit liefern. In seinem 57