Hochuli Freund 31.7.17 S. 281 Autonomieförderung durch systemische Fallbearbeitung Frau G. hat in Ue beschränkte Möglichkeiten auf Grund beschränkter Ressourcen. Dieser Umstand könnte ihr geringes Selbstbewusstsein erklären. Der hohe Stellenwert des Helfens für andere könnte ein Ersatz für einen erfüllenden Beruf oder ein erfüllendes Hobby sein, es könnte aber auch mit dem jahrelangen Zusammenleben mit Alkoholikern zusammenhängen. Mit dem Helfen kann sich Frau G. als wirksam erleben und erhält von anderen Lob und Anerkennung. Eine solche Bestätigung erlebt sie möglicherweise nur in diesem Bereich. Die ungleichen Beziehungen könnten ebenfalls durch ihre geringen Ressourcen in Ue erklärt werden. Vom Ehemann ist sie sicherlich in einem gewissen Masse abhängig, u. a., da er sie finanziell unterstützt. Frau G. äussert den Wunsch, sich von ihrem Ehemann zu trennen, da rational viele Gründe gegen die Beziehung sprächen. Das Ehepaar ist aber wahrscheinlich emotional sehr verstrickt und die Beziehung ist sehr komplex, sodass die Umsetzung dieser Entscheidung ein langer Prozess ist. Die jahrelange Alkoholabhängigkeit des Ehemannes hat die Beziehung geprägt. Möglicherweise handelt es sich bei der Beziehung um ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Auffällig ist, dass Frau G. immer wieder ungleiche Beziehungen führt und sich nicht davon lösen kann, obwohl sie erkennt, dass diese Beziehungen nicht förderlich für ihre Entwicklung sind. Als förderlich für sich selbst erkennt Frau G. die Beschäftigungen Malen und Stricken, die sie erst in der Klinik entdeckt hat. Wahrscheinlich hindern sie ihre psychischen und körperlichen Einschränkungen daran, sich aktiv in neuen Beschäftigungen auszuprobieren, gleichwohl verspürt sie den Wunsch nach mehr Freiheiten. Diese Einschränkungen der Müdigkeit und der chronischen Schmerzen könnten auch die emotionale Überflutung und die geringe Konzentrationsfähigkeit erklären. Möglicherweise sind Frau G. ihre eingeschränkten Ressourcen in Bildung, Finanzen, Sozialem und Körperkraft bewusst und sie sehnt sich deshalb nach mehr Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten ihres Lebens, damit sie in einigen Bereichen ihres Lebens wirksam sein und eigene Entscheidungen treffen kann (vgl. Geiser 2009:136–149). Fallverstehen mit Hilfe von Theoriewissen Wie in der Fallthematik festgehalten, kennzeichnen zum einen ungleiche Beziehungen das Leben von Frau G. stark, zum anderen äussert sie den Wunsch nach mehr Unabhängigkeit in ihrem Leben. Mit Hilfe von geeignetem Theoriewissen soll deshalb nach Erklärungen für die kognitiven Modelle und Verhaltensweisen von Frau G. gesucht werden, damit ein vertieftes systemisches Fallverstehen möglich wird und herausgearbeitet werden kann, wo Ziele und Interventionen ansetzen können. Die Suche von Frau G. nach Bestätigung und Lob in ihren ungleichen Beziehungen könnte mit ihrer Kindheit zusammenhängen. Das angespannte Verhältnis zu ihrem gewaltbereiten verstorbenen Vater hat möglicherweise ihr späteres Beziehungsverhalten beeinflusst. Dies soll mit der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth beleuchtet werden (nach Grossmann/Grossmann 2003). Zusätzlich kennzeichnet der Kontakt zu Alkoholikern das Leben von Frau G. stark. 281