8.5.1 Beobachtung und Wahrnehmung Neurophysiologische und wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse haben gezeigt, dass Beobachtungen immer subjektiv geprägt sind; insofern geben Beobachtungen in der Sozialen Arbeit die Perspektive der Professionellen wieder. Im Wissen darum bemüht sich die Sozialpädagogin um Sachlichkeit, indem sie sich ihre eigenen Gefühle bewusst macht und sich bei der Beobachtung gleichzeitig selbst beobachtet. Anschließend überprüft sie ihre Beobachtungen in einem intersubjektiven Vergleich mit denjenigen von anderen Professionellen. Bewusst-zielgerichtet Beobachten heißt auch, sich im Wissen um die Bedeutung dieses Prozessschritts Zeit zu nehmen, um aufmerksam mit allen Sinnesorganen wahrnehmen zu können, was geschieht. Die Anforderung, offen zu sein für reine Beobachtung, etwas nur wahrzunehmen, ohne es gleich wissen, bewerten und erklären zu wollen, scheint in der Praxis im Widerstreit zu stehen mit dem Anspruch, sich Orientierung zu verschaffen und zu beurteilen, um handlungsfähig zu bleiben. Deshalb ist eine kontinuierliche kritische Reflexion wichtig ( Kap. 7.2). Der Prozess der Wahrnehmung spielt bei der Beobachtung eine zentrale Rolle. Wahrnehmen ist kein fotografisches Registrieren von Objekten oder Ereignissen, vielmehr entwirft der Mensch aus den verschiedenen Sinneseindrücken Bilder, indem er unterschiedliche Reizeinflüsse koordiniert und interpretiert. Es ist demnach entscheidend, welche Information(en) er im Moment als relevant erachtet. Aus der großen Fülle der Wahrnehmungen hat er jeweils eine beschränkte Auswahl zu treffen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Wahrnehmen auf unterschiedlichen Bewußtseinstufen stattfindet und von gespeicherten Erfahrungen vorstrukturiert wird. Normen, Werte, Erfahrungen, Einstellungen wie auch Stimmungen, Gefühle, Motive etc. fließen in die Wahrnehmung ein. Die Wahrnehmung liefert also nur ein unvollständiges, persönlich gefärbtes Bild der Wirklichkeit. Aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass es aus diesem Grund zu sog. ›Beobachtungsfehlern oder -fallen‹ kommen kann. Während des Beobachtens kommt es häufig zum sog. ›Primäreffekt‹ oder ›primacy-effect‹. Dieser bezeichnet den anfänglichen Eindruck, den man von einer Person gewonnen hat. In der Folge steuert dieser Eindruck alle weiteren Wahrnehmungen, was zu sehr eingeschränkten Bildern und Vorstellungen führen kann. Eine sehr verbreitete Beobachtungsfalle wird mit dem Begriff ›Halo- oder Überstrahlungseffekt‹ umschrieben. Wenn bei einem Menschen bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen positiv oder negativ bewertet werden, wird die Wahrnehmung des Handelns dieses Menschen von dieser Einschätzung gesteuert. In der Folge nimmt man vermehrt nur diese Eigenschaften und Verhaltensweisen wahr. Wenn die Erwartungen des Beobachters bewirken, dass sich die beobachtete Person in Richtung dieser Erwartung entwickelt im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, spricht man vom ›Rosenthal‹- oder ›PygmalionEffekt‹. Wahrnehmungsfallen und -fehler stellen sich ein, wenn zwischen den Beobachtungen und den eigenen Vorurteilen, Einschätzungen, Einstellungen, Stereotypisierungen und Attributionen nicht unterschieden wird (vgl. Gerrig/Zimbardo 2008).