122 Pädagog*innen als ein wichtiges Ziel gesetzt hat (Schirmer 2016; AWZ Jahresbericht 2019/2020). Die Expertenschaft Expert*innen – der Begriff sorgt für einen Blickwechsel. Ich begreife Mädchen und Jungen aus traumatisierenden Lebensumständen als Erfahrungsexperten. Sie sind in Abgrenzung zu wissenschaftlichen Experten oder Experten aufgrund beruflicher Erfahrung Expert*innen für herausfordernde Lebensumstände. Sie wissen viel über traumatischen Stress, über das Überleben und über gute Pädagogik8. Sie haben – alleine und ohne professionelle Unterstützung – Regulationsmechanismen entwickelt, die nicht unbedingt fremd- oder selbstschädigend sind. Luise Reddemann schlägt vor, „[…] unbeirrbar an der Idee festzuhalten, dass Menschen, wie beschädigt sie auch sein mögen, in sich sehr viel mehr Weisheit und Wissen über sich selbst haben, mehr jedenfalls als wir als anderer Mensch je für ihn oder für sie haben könnten; dass sie auch über Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, […]“ [2015, S. 224]. Wir, die professionellen Helfer*innen, können viel von ihnen lernen. „Im Grunde haben wir nur ein einziges wirklich zuverlässiges Lehrbuch, und das sind unsere Patienten. Wir sollten nur auf das vertrauen, was wir von ihnen – und aufgrund unserer eigenen Erfahrungen – lernen würden.“ So zitiert van der Kolk den Rat seines großen Lehrers (van der Kolk 2015, S. 20). Ich habe immer viel – vor allem über Überlebenskraft und Stärke – erfahren können, wenn ich ihre Expertise ernst genommen habe. Diesen Ansatz wechselseitigen Lernens kennen wir aus der emanzipatorischen Pädagogik. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts beschrieb Antonio Gramsci (1935/1994) das pädagogische Verhältnis als „[…] aktives Verhältnis wechselseitiger Beziehungen“, bei dem „[…] jeder Lehrer immer auch Schüler und jeder Schüler Lehrer ist.“ (1994, S. 1335). Auch Paolo Freire, der die emanzipatorische 8 Auch deshalb hat der Fachverband Traumapädagogik seit 2017 einen Ex­ pert*innenrat